Der fröhliche Musikant Kurent hat eine Zaubergeige aus Ahornholz, und wer sie hört, muss einfach tanzen. Eine Volkssage darüber, wie Kurent auf der Ebene von Ptuj die sture Frau Winter vertrieben hat, aus dem slowenischen Original übersetzt.
Slowenische Volkssage · 10 Min. · gelesen von Marie
Kurent: der Text zum Lesen und Vorlesen
Slowenische Volkssage, frei nacherzählt.
Vor langer Zeit, als die Welt noch jung war, lebte auf einem sonnigen Hügel zwischen den Weinbergen eine arme Frau. An einem Frühlingstag brachte sie unter einem großen Ahorn, gleich neben einer alten Weinrebe, einen kleinen Sohn zur Welt. Sie wickelte ihn in ihre Schürze und ging von Haus zu Haus, um einen Paten und eine Patin für ihn zu finden. Doch die Leute waren in jenem Jahr hart wie Stein. „Wir haben keine Zeit“, sagten die einen. „Was geht uns ein fremdes Kind an?“, brummten die anderen. Und eine Tür nach der anderen ging zu.
Traurig kehrte die Frau zum Ahorn zurück und setzte sich zu der Weinrebe. „Die Menschen wollen mich nicht hören“, weinte sie. „Grüner Ahorn und blühende Rebe, ihr beide wart dabei, als er geboren wurde. Seid wenigstens ihr beide Pate und Patin für meinen Kurent.“ Da rauschte das Laub, obwohl kein Wind wehte. „Das will ich“, sagte der Ahorn mit tiefer, hölzerner Stimme. „Das will ich“, sagte die Weinrebe, leise und süß, als würde eine Biene summen.
„Mein Geschenk wird eine Geige sein“, sagte der Ahorn. „Wenn der Junge groß ist, soll er sie sich aus meinem Holz schnitzen. Sie wird so schön singen, dass die Leute ihn in jede Hütte und in jedes Schloss einladen.“ Die Weinrebe aber sagte: „Ich sorge dafür, dass er nie hungern muss. Wohin er auch mit seiner Geige kommt, wird sich der Tisch unter lauter Leckereien biegen.“ Die Mutter dankte beiden, und der kleine Kurent lächelte in ihren Armen, als hätte er alles verstanden.
Kurent wuchs heran und war ein fröhliches Kind. Er hatte keine Lust, Kühe zu hüten oder auf dem Acker zu graben, am liebsten saß er unter dem Ahorn und hörte zu, wie der Wind in den Blättern spielte. Als er groß genug war, schnitt er mit der Erlaubnis seines Paten einen schönen Ast ab, schnitzte daraus eine Geige und spannte Saiten darauf. Als er zum ersten Mal mit dem Bogen darüberstrich, wurde der ganze Hügel still. Sogar die Vögel hörten auf zu singen, um ihn besser zu hören.
Bald zeigte sich, was für eine Zaubergeige er hatte. Wer sie hörte, musste tanzen, ob er wollte oder nicht. Die Füße fingen ganz von allein an zu hüpfen, bei Jung und Alt, bei Reich und Arm. Jeder tanzte, solange Kurent spielte, und hörte erst auf, wenn Kurent den Bogen sinken ließ.
Kurent war gutherzig, aber er war auch ein großer Spaßvogel. Eines Morgens begegnete er ein paar Weiblein, die Eier in Körben zum Markt trugen. Er spielte ihnen etwas vor, und die Weiblein jauchzten, rafften ihre Röcke und drehten sich auf der Straße im Kreis, und die Körbe fielen ihnen zu Boden. Die Eier zerbrachen, und die ganze Straße war gelb. Die Weiblein schimpften und drohten ihm mit dem Finger, aber Kurent half ihnen danach, bei allen Nachbarinnen neue Eier zu sammeln, sodass sie doch noch mit vollen Körben auf den Markt kamen.
Ein andermal kam er an der Schlosswiese vorbei, wo die Bauern für den geizigen Schlossherrn das Heu zusammenharkten. In der Ferne donnerte es schon, und der Schlossherr trieb sie zur Eile und schrie sie an. Kurent spielte, und die Bauern fingen an zu tanzen, das Heu aber blieb auf der Wiese liegen. Der Schlossherr kam angerannt, ganz rot vor Wut, doch kaum hörte er die Geige, packte er selbst seine Frau und tanzte mit ihr über das gemähte Gras, dass ihm alle silbernen Knöpfe von der Jacke sprangen. Er tanzte so lange, bis sein Zorn ganz verraucht war. Schließlich lachte er, verzieh den Bauern und gab ihnen noch einen Kuchen zur Stärkung.
So zog Kurent von Dorf zu Dorf, von Unterkrain bis in die Steiermark, von den Bergen bis in die Ebene, und überall wurde er mit Freude empfangen. „Wo Kurent ist, da gibt es keine Traurigkeit“, sagten die Leute. Und so war es auch.
Dann aber kam ein Winter, wie ihn noch niemand erlebt hatte. Der Schnee lag bis zu den Fenstern, die Drau fror so fest zu, dass man mit Schlitten darüberfuhr, und der Schnee knirschte unter den Füßen. Weihnachten kam, Neujahr kam, Lichtmess kam, aber der Winter wollte nicht gehen. Die Leute saßen in ihren Hütten, verheizten die letzten Holzscheite und aßen die letzten Bohnen. Die Kinder malten mit den Fingern Blumen auf die gefrorenen Fenster, weil sie schon so lange keine echten Blumen mehr gesehen hatten.
Am Rand der Ebene von Ptuj saß auf einem großen Schneehaufen Frau Winter selbst. Sie war alt, weiß und griesgrämig, hatte Eiszapfen im Haar und einen langen weißen Mantel, der hinter ihr über das ganze Feld schleifte. „Hier gefällt es mir“, brummte sie. „Hier bleibe ich für immer. Der Frühling soll woandershin gehen.“ Und wenn sie blies, gefror die Erde noch tiefer.
Die Leute aus Ptuj und aus den Dörfern ringsum kamen zusammen und sagten: „Lasst uns nach Kurent schicken. Wenn uns jemand helfen kann, dann er.“ Der mutigste Bursche schnallte sich Schneeschuhe an und machte sich auf den Weg über die verschneiten Hügel. Er fand Kurent am Ofen in einem Bauernhaus, wo er ein trauriges Lied spielte, weil bei dieser Kälte niemand Lust zum Tanzen hatte. Als Kurent hörte, was los war, sprang er auf. „Ein Winter, der nicht gehen will?“, lachte er. „Das muss ich sehen.“
Kurent wusste, dass gewöhnliche Kleider bei solcher Kälte nicht reichen würden. Er zog einen zotteligen Schafspelz an, der ihm bis zu den Knien reichte, und hängte sich fünf große Kuhglocken um die Hüften. Auf den Kopf stülpte er sich eine zottelige Mütze mit Hörnern und bunten Bändern, und sein Gesicht bedeckte er mit einer lustigen Maske mit langer Nase und langer roter Zunge. In die Hand nahm er noch einen Igelstock, der am Ende mit stacheliger Igelhaut umwickelt war. Er sah so seltsam aus, dass nicht einmal seine eigene Mutter ihn erkannt hätte.
Als er auf die Ebene von Ptuj kam, sah Frau Winter schon von Weitem ein zotteliges Wesen, das durch den Schnee hüpfte. „Wer bist denn du?“, schrie sie. „Geh weg, sonst verwandle ich dich in einen Eiszapfen!“ Kurent sagte nichts. Er sprang nur in die Luft, dass die Glocken dröhnten, bumm, bumm, bumm, und dann zog er unter dem Pelz die Ahorngeige hervor und spielte los.
Frau Winter wollte blasen, doch stattdessen fingen ihre Füße ganz von allein an zu hüpfen. „Hör auf!“, schrie sie. „Ich tanze nicht! Ich bin Frau Winter!“ Aber Kurent spielte weiter, hüpfte und läutete, und Frau Winter tanzte. Sie wirbelte über das Feld, dass der Schnee in Wolken aufstob, und je mehr sie tanzte, desto heißer wurde ihr. Die Eiszapfen in ihrem Haar tropften, ihr Mantel schmolz, und über die Felder flossen die ersten Bächlein.
Aus den Dörfern eilten die Leute herbei und schauten zu. Die Burschen sahen, wie sehr sich Frau Winter vor den Glocken und dem zotteligen Pelz fürchtete, und so zogen auch sie schnell Pelze an, hängten sich Glocken um und sprangen hinter Kurent her. Das Feld war voller Gebimmel, Lachen und Jauchzen. Sogar die alten Großväter hüpften an ihren Stöcken, und die Kinder trommelten mit Kochlöffeln auf Töpfe.
„Genug, genug!“, flehte Frau Winter, ganz außer Atem und nass. „Ich gehe ja, ich gehe ja schon, hör nur auf zu spielen!“ Kurent ließ den Bogen sinken. Frau Winter raffte zusammen, was von ihrem weißen Mantel übrig war, und lief so schnell nach Norden davon, über die Berge, dass hinter ihr nur ein langer Nebelstreif zurückblieb. Im selben Augenblick kam die Sonne heraus. Am Ufer der Drau lugte das erste Schneeglöckchen hervor, nach ihm eine Schlüsselblume, und in den Weiden fingen die Vögel an zu singen.
Die Leute umarmten Kurent und luden ihn zu Krapfen und Nusskuchen ein. Sie backten alles, was in den Vorratskammern noch übrig war, und feierten drei Tage und drei Nächte lang. Kurent spielte, alle tanzten, und nirgends war jemand traurig. Zum Schluss steckte Kurent die Geige unter den Pelz und sagte zu den Burschen: „Ich muss weiter, durch die ganze Welt. Aber jedes Jahr, wenn der Winter zu lange trödelt, zieht eure Pelze an, hängt euch Glocken um und springt durch die Dörfer, so wie ihr heute gesprungen seid. Frau Winter fürchtet sich vor Lärm und Lachen. Ihr werdet sie auch ohne mich vertreiben.“
Und so ist es noch heute. Jedes Jahr zur Faschingszeit kommen die zotteligen Kurenten nach Ptuj und in die Dörfer der Ebene von Ptuj. Sie tragen Schafspelze, große Glocken um die Hüften, lange rote Zungen und bunte Bänder an ihren Mützen. Sie springen von Haus zu Haus und läuten, dass die Erde bebt, und die Hausfrauen schenken ihnen Krapfen und Würste, denn das bringt Glück. Frau Winter hört sie schon von Weitem, schaut über die Schulter zurück und rafft langsam ihren weißen Mantel zusammen. Bald darauf blühen auf dem ganzen Feld die Schneeglöckchen.





