Der Wassermann mit grünen Haaren sitzt im Mondlicht auf einem Stein an der Ljubljanica unter dem Burgberg Die Bürger tanzen unter der großen Linde auf dem Alten Markt, die stolze Urška schüttelt bei den Burschen den Kopf Ein junger Mann in einem grünen Mantel verneigt sich tief vor Urška, die Leute schauen verwundert zu Urška steht staunend in einem grünlichen gläsernen Saal unter dem Fluss, Fische schwimmen vorbei Urška, ihre Mutter und der alte Schiffer binden eine unsichtbare Kette an die alte Linde, die sich zum Fluss neigt Urška tanzt fröhlich unter der Linde, der Wassermann lächelt unter der Brücke aus dem Fluss herauf

Der Wassermann

Der Wassermann in der Ljubljanica · gelesen von Marie
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Unter der Linde auf dem Alten Markt in Ljubljana bittet ein geheimnisvoller junger Mann mit eiskalten Händen die stolze Urška zum Tanz. Eine alte Sage aus Ljubljana vom Wassermann in der Ljubljanica, für Kinder neu erzählt und aus dem slowenischen Original übersetzt.

Slowenische Volkssage · 13 Min. · gelesen von Marie

Der Wassermann: der Text zum Lesen und Vorlesen

Slowenische Volkssage, frei nacherzählt.

Im alten Ljubljana, wo sich die grüne Ljubljanica langsam unter dem Burgberg dahinschlängelt, lebten einst Fischer, Schiffer und Bürger, die ihren Fluss gut kannten. Sie wussten, wo das Wasser flach war und wo es tief war, wo sich an den tiefen Stellen die großen Huchen versteckten und wo am Ufer die Seerosen blühten. Aber sie wussten noch etwas, worüber sie nur leise sprachen, abends am Herdfeuer. In der Tiefe des Flusses lebte der Wassermann.

Die Fischer sahen ihn manchmal nachts, wenn der Mond auf das Wasser schien. Er saß auf einem Stein am Ufer und hatte lange Haare, grün wie Wassergras, und seine Augen leuchteten wie zwei Fischschuppen. Wenn sie ihn erblickten, wendeten sie leise ihr Boot und ruderten woandershin. Manchmal aber kam er auch am Tag, mitten unter die Leute. Dann sah er aus wie ein schöner junger Herr, nur der Saum seines Mantels war immer ein wenig nass, obwohl der Tag trocken und sonnig war. Und wer ihm die Hand gab, zuckte zusammen, denn sie war weich und kalt wie Eis.

Der Wassermann war nicht böse, aber er war sehr einsam. Unten im Fluss hatte er ein schönes Haus aus grünlichem Glas, voller Muscheln und Kieselsteine, die wie Perlen glitzerten. Doch in diesem Haus gab es kein Feuer, kein Brot und kein Salz, und nie erklang darin ein Lied. Darum hörte der Wassermann am allerliebsten zu, wenn aus der Stadt Musik bis hinunter zum Fluss geschwebt kam.

Auf dem Alten Markt wuchs damals eine große Linde mit einer dichten, breiten Krone. Unter ihr kamen die Bürger sonntags zusammen, saßen auf Bänken, plauderten und aßen, und die jungen Leute tanzten. Die Trompeten schmetterten, die Geigen sangen und das Hackbrett klang, dass man es bis zum Wasser hörte. Dann kräuselte sich die Ljubljanica ganz leicht, als würde sich dort unten jemand fröhlich im Takt der Musik wiegen.

Unter allen Mädchen in Ljubljana war Urška die schönste. Sie hatte helle Zöpfe, rote Bäckchen und ein Lachen, das wie ein Glöckchen klang. Aber Urška war auch sehr stolz. Die Burschen baten sie einer nach dem anderen zum Tanz, doch sie schüttelte bei jedem den Kopf. Dem einen sagte sie, er sei zu klein, dem anderen, er habe zu große Schuhe, dem dritten, er tanze wie ein Bär. Die Burschen gingen traurig davon, Urška aber lachte und rückte sich das bunte Band im Haar zurecht.

An einem Sommersonntag war es unter der Linde besonders fröhlich. Die Sonne neigte sich schon hinter den Burgberg, die Turmuhr hatte sieben geschlagen, und Urška hatte noch kein einziges Mal getanzt. „Willst du heute denn gar nicht tanzen?“, fragten ihre Freundinnen. „Doch“, antwortete Urška, „wenn der richtige Tänzer kommt. Mit einem gewöhnlichen Burschen habe ich keine Lust, mich im Kreis zu drehen.“

Da trat ein fremder junger Mann unter die Linde. Er war groß und schön, trug einen grünen Mantel mit silbernen Knöpfen und auf dem Kopf einen Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte. Höflich grüßte er alle, die da waren, und reichte jedem die Hand. Die Leute lächelten ihn an, doch als sie seine Hand berührten, zuckte einer nach dem anderen zusammen. Die Hand war weich und kalt, als hätte er sie gerade aus dem Wasser gezogen. Die alte Marktfrau, die unter der Linde Birnen verkaufte, dachte im Stillen: „Der ist nicht von hier.“

Der junge Mann sah sich auf dem Tanzplatz um und blieb vor Urška stehen. „Möchtest du mit mir tanzen?“, fragte er und verneigte sich tief vor ihr. „Ich komme von weit her, weil ich gehört habe, dass in Ljubljana ein Mädchen lebt, das schöner ist als alle anderen.“ Urška wurde rot und lächelte ihn süß an. „Den ganzen Abend habe ich nur auf dich gewartet“, sagte sie. „Schnell, gib mir die Hand, die Sonne geht schon unter.“

Und sie tanzten. Der junge Mann führte sie so leicht, als hätte er Flügel, und Urška drehte sich mit ihm, dass ihre Zöpfe durch die Luft flogen. Bald blieben die anderen Paare stehen und sahen den beiden staunend zu. Sogar den Musikanten sanken die Hände herab, so seltsam war es anzusehen, wie die zwei tanzten. Als die Musik verstummte, stampfte der junge Mann mit dem Fuß auf. „Wir brauchen keine Geigen und keine Trompeten!“, rief er. „Für uns soll eine andere Musik spielen!“

Im selben Augenblick zogen dunkle Wolken über der Stadt auf. Der Wind brauste, dass sich die Äste der Linde bogen, am Himmel donnerte es, und aus der Ferne hörte man den angeschwollenen Fluss rauschen. Die Leute drängten sich aneinander, und Urška bekam zum ersten Mal Angst. „Fürchte dich nicht“, sagte der Tänzer zu ihr. „Fürchte dich nicht vor dem Donner, fürchte dich nicht vor dem Wind und fürchte dich nicht vor dem Rauschen des Wassers. Das alles ist meine Musik. Tanz nur, Urška, tanz nur!“

„Lass uns kurz anhalten“, bat Urška ihn, „ich möchte ein bisschen verschnaufen.“ Aber der junge Mann hielt nicht an. Sie drehten sich immer schneller, aus dem Schatten der Linde über den Platz, an den Häusern vorbei und geradewegs auf den Fluss zu. Am Ufer der Ljubljanica drehten sie sich dreimal im Kreis, und dann sprangen sie zusammen in die Wellen. Die Schiffer, die am Ufer standen, sahen nur einen großen Strudel, der sich auf dem Wasser drehte und langsam wieder glättete. Urška war nirgends mehr zu sehen.

Als Urška die Augen öffnete, war sie nicht nass, und ihr war nicht kalt. Sie stand in einem großen Saal aus grünlichem Glas. Durch die Wände sah sie, wie Fische vorbeischwammen, wie sich die Wassergräser wiegten und wie von oben, aus der fernen Welt, blasses Mondlicht durch das Wasser fiel. Vor ihr stand ihr Tänzer. Er trug keinen Hut mehr, und Urška sah seine langen grünen Haare.

„Fürchte dich nicht vor mir“, sagte er leise. „Ich habe dich nicht hergebracht, um dir etwas Böses zu tun. So lange habe ich der Musik unter der Linde zugehört, und so lange habe ich zugesehen, wie du tanzt. Ich möchte, dass du bei mir bleibst und meine Braut wirst.“

Der Wassermann zeigte ihr sein ganzes Haus. Ein Zimmer war voller Muscheln, ein anderes voller silberner Kieselsteine, und im dritten lagen auf gläsernen Regalen alle Ringe, die die Menschen jemals im Fluss verloren hatten. Urška ging von Zimmer zu Zimmer und staunte. Doch bald merkte sie, dass es im ganzen Haus keine einzige Feuerstelle gab. Es gab keinen Ofen, kein Brot und kein Salz. Zum Abendessen brachte ihr der Wassermann Wasserblumen und rohe Fische, und als Urška ein Lied sang, um ihre Angst zu vertreiben, verklang ihre Stimme im Wasser, als würde sie in ein Kissen singen.

Die Tage vergingen. Urška schlief in einem gläsernen Bett unter einer Decke aus weichem Moos und schaute jeden Morgen nach oben, wo kaum sichtbar die Sonne durch das Wasser schimmerte. Sie dachte an ihre Mutter, die bestimmt um sie weinte, an die Linde auf dem Alten Markt und an den Duft von frisch gebackenem Brot. Sie dachte aber auch an all die Burschen, die sie so hochnäsig abgewiesen hatte. „Wie dumm ich war“, flüsterte sie vor sich hin. „Ich hätte mit jedem von ihnen tanzen können, aber ich wollte nur den Schönsten. Jetzt habe ich den schönsten Tänzer und bin so weit weg von zu Hause.“

Der Wassermann sah, wie traurig sie war. Er brachte ihr die schönsten Muscheln und die glänzendsten Steinchen, aber Urška lachte nicht mehr. Eines Tages bat sie ihn leise: „Lass mich nach Hause, nur für kurze Zeit. Ich möchte meine Mutter sehen und ihr sagen, dass ich lebe und dass es mir gut geht.“

Der Wassermann schwieg lange. „Gut“, sagte er schließlich. „Aber ich binde dich an eine Kette, die niemand sehen kann. Wenn ich zum ersten Mal daran ziehe, nimm Abschied. Wenn ich zum zweiten Mal daran ziehe, musst du schon auf halbem Weg sein. Wenn ich zum dritten Mal daran ziehe, musst du wieder bei mir sein.“

Bevor sie ging, gab er ihr noch einen Besen. „Kehr mein Haus“, sagte er, „und was du zusammenkehrst, nimm als Geschenk mit.“ Urška kehrte den gläsernen Boden und sammelte ein ganzes Kopftuch voll feinem Sand, Fischschuppen und zerbrochenen Muscheln. Ein seltsames Geschenk ist das, dachte sie, aber sie knotete das Tuch trotzdem sorgfältig zusammen. Dann hob das Wasser sie sanft empor und trug sie nach oben, bis ans Ufer unter dem Alten Markt.

Es war Nacht, als Urška zu Hause an die Tür klopfte. Ihre Mutter öffnete, sah ihre Tochter und umarmte sie so fest, dass beide vor Glück weinten. Urška erzählte ihr von dem gläsernen Haus und vom Wassermann, und als sie das Tuch aufknotete, verschlug es beiden die Sprache. Der Sand, die Schuppen und die Muscheln hatten sich in reines, helles Gold verwandelt.

Doch um ihre Taille spürte Urška die unsichtbare Kette, kalt wie Flusswasser. Die Mutter holte schnell den alten Schiffer aus dem Nachbarhaus, der mehr über den Fluss wusste als sonst jemand in der Stadt. Der Schiffer tastete die Luft um Urškas Taille ab und fühlte die Kette, obwohl er sie nicht sehen konnte. „Schnell“, sagte er, „nehmen wir sie ab und binden wir sie an etwas, das stärker ist als wir.“ Vorsichtig nahmen sie die Kette ab und banden sie mit aller Kraft um den Stamm der alten Linde auf dem Alten Markt.

Kaum hatten sie das getan, da klirrte die Kette zum ersten Mal. Die Linde zitterte von den Wurzeln bis zur Spitze, dass ihre Blätter herabfielen. Die Kette klirrte zum zweiten Mal, und die Linde neigte sich zum Fluss, als würde ein Riese an ihr ziehen. Als die Kette zum dritten Mal klirrte, rauschte die ganze Ljubljanica auf, die Linde ächzte und neigte sich noch weiter, doch ihre Wurzeln hielten sie fest. Dann riss die Kette mit einem Klirren und war fort.

Aus dem Fluss hörte man einen langen, traurigen Seufzer. Urška lief ans Ufer, kniete sich ans Wasser und rief in die Dunkelheit: „Wassermann, sei nicht traurig! Danke für dein Haus und für dein Geschenk. Im Wasser kann ich nicht leben, denn mein Herz ist zu Hause, in der Sonne. Aber ich verspreche dir, dass ich dich nicht vergessen werde. Jeden Sonntag, wenn unter der Linde die Musik spielt, spielt sie auch für dich.“

Das Wasser blieb lange still. Dann zeichnete sich dicht am Ufer ein Kreis auf dem Wasser, als hätte dort unten jemand genickt, und der Fluss floss wieder ruhig weiter.

Von diesem Tag an war Urška anders. Mit dem Gold aus dem Tuch kaufte sie Brot und warme Kleider für die armen Kinder aus der Vorstadt, und beim Tanz wies sie niemanden mehr ab. Sie tanzte mit Kleinen und Großen, mit Handwerkern und mit Schiffern, und sie lachte so freundlich, dass alle sie gernhatten. Die alte Linde blieb noch viele Jahre zum Fluss geneigt, bis die Bürger sie fällen mussten, weil sie zu alt geworden war.

Man erzählt aber, dass der Wassermann noch immer in der Ljubljanica lebt. Wenn an Sommersonntagen in der Altstadt Musik erklingt, schaukelt das Wasser unter den Brücken ganz sanft, als würde dort unten jemand leise tanzen. Und die Fischer, die ihn noch heute manchmal im Mondlicht auf seinem Stein am Ufer sehen, sagen, dass er freundlich lächelt. Er hört zu, wie man dort oben für ihn spielt.