Tief unten im Meer lebt die jüngste Tochter des Meerkönigs und kann es kaum erwarten, endlich die Welt der Menschen über den Wellen zu sehen. Der erste Teil von Andersens schönstem Märchen, übersetzt aus dem dänischen Original.
Hans Christian Andersen · 29 Min. · gelesen von Marie
Die kleine Meerjungfrau: der Text zum Lesen und Vorlesen
Hans Christian Andersen (1837). Aus dem dänischen Original „Den lille Havfrue“ übersetzt, erster Teil.
Weit draußen im Meer ist das Wasser so blau wie die Blütenblätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgendein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müsste man übereinanderstellen, um vom Grund bis über das Wasser hinaufzureichen. Dort unten wohnt das Meervolk.
Nun darf man aber ja nicht glauben, dass es dort nur kahlen weißen Sandboden gibt. Nein, dort wachsen die wundersamsten Bäume und Pflanzen, und ihre Stiele und Blätter sind so biegsam, dass sie sich bei der kleinsten Bewegung des Wassers regen, als wären sie lebendig. Alle Fische, kleine und große, huschen zwischen den Zweigen hindurch, so wie hier oben die Vögel durch die Luft. An der allertiefsten Stelle liegt das Schloss des Meerkönigs. Die Mauern sind aus Korallen und die langen, spitzen Fenster aus dem allerklarsten Bernstein, das Dach aber besteht aus Muscheln, die sich öffnen und schließen, je nachdem, wie das Wasser strömt. Das sieht herrlich aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen, und eine einzige davon wäre schon ein prächtiger Schmuck in der Krone einer Königin.
Der Meerkönig dort unten war schon seit vielen Jahren Witwer, aber seine alte Mutter führte ihm den Haushalt. Sie war eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel, und deshalb trug sie zwölf Austern am Schwanz, während die anderen Vornehmen nur sechs tragen durften. Sonst aber verdiente sie viel Lob, vor allem, weil sie die kleinen Meerprinzessinnen, ihre Enkelinnen, so lieb hatte. Es waren sechs reizende Kinder, aber die jüngste war die schönste von allen. Ihre Haut war so klar und zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie der tiefste See. Doch wie alle anderen hatte sie keine Füße, ihr Körper endete in einem Fischschwanz.
Den ganzen langen Tag konnten sie unten im Schloss spielen, in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden wuchsen. Wenn die großen Bernsteinfenster geöffnet wurden, schwammen die Fische zu ihnen herein, so wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir das Fenster aufmachen. Die Fische aber schwammen geradewegs zu den kleinen Prinzessinnen, fraßen ihnen aus der Hand und ließen sich streicheln.
Vor dem Schloss lag ein großer Garten mit feuerroten und dunkelblauen Bäumen. Die Früchte strahlten wie Gold und die Blüten wie ein loderndes Feuer, denn sie bewegten unaufhörlich ihre Stiele und Blätter. Der Boden selbst war aus dem feinsten Sand, aber blau wie eine Schwefelflamme. Über allem dort unten lag ein wundersamer blauer Schimmer. Man hätte eher glauben können, man stünde hoch oben in der Luft und sähe nur Himmel über und unter sich, als dass man auf dem Meeresgrund wäre. Wenn das Meer ganz still war, konnte man die Sonne sehen. Sie sah aus wie eine purpurrote Blume, aus deren Kelch alles Licht hervorströmte.
Jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihr eigenes Fleckchen im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie sie selbst wollte. Die eine gab ihrem Blumenbeet die Gestalt eines Wals, eine andere wollte lieber, dass ihres wie eine kleine Meerjungfrau aussah. Die jüngste aber machte ihres ganz rund wie die Sonne und pflanzte nur Blumen, die so rot leuchteten wie sie. Sie war ein seltsames Kind, still und nachdenklich. Die anderen Schwestern schmückten ihre Beete mit den wunderlichsten Dingen, die sie aus gestrandeten Schiffen bekommen hatten. Sie aber wollte außer den rosenroten Blumen, die der Sonne dort hoch oben glichen, nur eine schöne Marmorstatue haben. Die Statue zeigte einen hübschen Jungen, war aus weißem, klarem Stein gehauen und bei einem Schiffbruch auf den Meeresgrund gesunken.
Neben die Statue pflanzte sie eine rosenrote Trauerweide. Die wuchs prächtig und ließ ihre frischen Zweige über die Statue bis hinab zum blauen Sandboden hängen, wo der Schatten violett aussah und sich ebenso bewegte wie die Zweige. Es sah aus, als ob Wipfel und Wurzeln miteinander spielten und einander küssten.
Nichts machte ihr größere Freude, als von der Welt der Menschen dort oben zu hören. Die alte Großmutter musste ihr alles erzählen, was sie über Schiffe und Städte, über Menschen und Tiere wusste. Besonders wunderbar fand sie, dass oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn die auf dem Meeresgrund taten das nicht. Und dass die Wälder grün waren und dass die Fische, die man dort zwischen den Zweigen sah, so laut und schön singen konnten, dass es eine wahre Freude war. Das waren die kleinen Vögel, aber die Großmutter nannte sie Fische, denn sonst hätten die Enkelinnen sie nicht verstanden, weil sie noch nie einen Vogel gesehen hatten.
„Wenn ihr fünfzehn Jahre alt seid“, sagte die Großmutter, „dann dürft ihr aus dem Meer auftauchen, im Mondschein auf den Klippen sitzen und die großen Schiffe ansehen, die vorbeisegeln. Wälder und Städte werdet ihr sehen!“ Im nächsten Jahr wurde die erste der Schwestern fünfzehn. Die anderen aber, nun ja, jede war ein Jahr jünger als die vorige, und so musste die jüngste noch ganze fünf Jahre warten, bevor sie vom Meeresgrund heraufkommen durfte, um zu sehen, wie es bei uns aussah. Aber jede versprach den anderen, ihnen zu erzählen, was sie gesehen und was sie am ersten Tag am schönsten gefunden hatte. Denn die Großmutter erzählte ihnen nicht genug, es gab so vieles, was sie wissen wollten.
Keine sehnte sich so sehr wie die jüngste, gerade sie, die am längsten warten musste und die so still und nachdenklich war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und schaute durch das dunkelblaue Wasser hinauf, wo die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen schlugen. Mond und Sterne konnte sie sehen. Sie leuchteten zwar ganz blass, aber durch das Wasser sahen sie viel größer aus, als wir sie sehen. Wenn dann etwas wie eine schwarze Wolke unter ihnen dahinglitt, wusste sie, dass es entweder ein Wal war, der über ihr schwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen. Die dachten bestimmt nicht daran, dass tief unter ihnen eine liebliche kleine Meerjungfrau stand und ihre weißen Hände zum Boden des Schiffes hinaufstreckte.
Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und durfte über die Meeresoberfläche hinaufsteigen. Als sie zurückkam, hatte sie hundert Dinge zu erzählen. Das Schönste aber, sagte sie, sei es gewesen, im Mondschein auf einer Sandbank im ruhigen Meer zu liegen und ganz nah an der Küste die große Stadt zu sehen, wo die Lichter blinkten wie hundert Sterne. Und die Musik zu hören und den Lärm von Wagen und Menschen, die vielen Kirchtürme und Turmspitzen zu sehen und zu hören, wie die Glocken läuteten. Gerade weil sie nicht dorthin konnte, sehnte sie sich am allermeisten nach alldem.
Oh, wie aufmerksam hörte die jüngste Schwester zu! Und wenn sie später am Abend am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser hinaufschaute, dachte sie an die große Stadt mit all ihrem Lärm. Und dann glaubte sie, die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten zu hören.
Ein Jahr später durfte die zweite Schwester durch das Wasser hinaufsteigen und schwimmen, wohin sie wollte. Sie tauchte gerade in dem Augenblick auf, als die Sonne unterging, und diesen Anblick fand sie am allerschönsten. Der ganze Himmel habe ausgesehen wie Gold, erzählte sie, und die Wolken, ja, wie schön die waren, konnte sie gar nicht genug beschreiben! Rot und violett waren sie über ihr dahingesegelt, aber noch viel schneller als die Wolken flog ein Schwarm wilder Schwäne wie ein langer weißer Schleier über das Wasser, dorthin, wo die Sonne stand. Sie schwamm der Sonne entgegen, aber die Sonne versank, und der rosenrote Schimmer erlosch auf dem Meer und auf den Wolken.
Wieder ein Jahr später kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die mutigste von allen, und darum schwamm sie einen breiten Fluss hinauf, der ins Meer mündete. Sie sah herrliche grüne Hügel mit Weinreben, und zwischen prächtigen Wäldern lugten Schlösser und Bauernhöfe hervor. Sie hörte, wie alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, dass sie oft untertauchen musste, um ihr glühendes Gesicht zu kühlen. In einer kleinen Bucht traf sie eine ganze Schar kleiner Menschenkinder. Ganz nackt liefen sie herum und planschten im Wasser. Sie wollte mit ihnen spielen, aber die Kinder liefen erschrocken davon.
Da kam ein kleines schwarzes Tier. Es war ein Hund, aber sie hatte noch nie einen Hund gesehen. Er bellte sie so schrecklich an, dass sie Angst bekam und auf das offene Meer hinausschwamm. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder vergessen, die grünen Hügel und die niedlichen Kinder, die im Wasser schwimmen konnten, obwohl sie keinen Fischschwanz hatten.
Die vierte Schwester war nicht so mutig. Sie blieb mitten draußen auf dem wilden Meer und erzählte, gerade dort sei es am allerschönsten. Man sah viele Meilen weit ringsumher, und der Himmel wölbte sich darüber wie eine große Glasglocke. Schiffe hatte sie gesehen, aber nur weit weg, und sie sahen aus wie Möwen. Die lustigen Delfine hatten Purzelbäume geschlagen, und die großen Wale hatten Wasser aus ihren Nasenlöchern gespritzt, sodass es aussah, als stünden hundert Springbrunnen ringsherum.
Nun kam die fünfte Schwester an die Reihe. Ihr Geburtstag war gerade im Winter, und darum sah sie, was die anderen beim ersten Mal nicht gesehen hatten. Das Meer sah ganz grün aus, und ringsum schwammen große Eisberge. Jeder sah aus wie eine Perle, sagte sie, und war doch viel größer als die Kirchtürme, die die Menschen bauten. In den wundersamsten Formen zeigten sie sich und funkelten wie Diamanten.
Sie hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segelschiffe machten erschrocken einen Bogen um die Stelle, wo sie saß und den Wind mit ihrem langen Haar spielen ließ. Gegen Abend aber bezog sich der Himmel mit Wolken. Es blitzte und donnerte, und das schwarze Meer hob die großen Eisblöcke hoch empor und ließ sie in den roten Blitzen leuchten. Auf allen Schiffen holte man die Segel ein, und überall herrschten Angst und Schrecken. Sie aber saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberg und sah zu, wie die blauen Blitze im Zickzack in das schimmernde Meer fuhren.
Wenn eine der Schwestern zum ersten Mal über das Wasser kam, war jede ganz entzückt von all dem Neuen und Schönen, das sie sah. Doch als sie nun als erwachsene Mädchen hinaufsteigen durften, wann immer sie wollten, wurde es ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder nach Hause, und schon nach einem Monat sagten sie, unten bei ihnen sei es doch am allerschönsten, und zu Hause sei es so gemütlich.
An manchem Abend stiegen die fünf Schwestern Arm in Arm in einer Reihe über das Wasser hinauf. Sie hatten wunderschöne Stimmen, schöner, als je ein Mensch sie hatte. Und wenn ein Sturm aufzog und sie glaubten, dass Schiffe untergehen würden, schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich davon, wie schön es auf dem Meeresgrund sei, und baten die Seeleute, sich nicht zu fürchten, dort hinunterzukommen. Die aber verstanden die Worte nicht und glaubten, es sei der Sturm. Und die Herrlichkeit dort unten bekamen sie auch nie zu sehen, denn wenn das Schiff sank, ertranken die Menschen und kamen nur als Tote zum Schloss des Meerkönigs.
Wenn die Schwestern so am Abend Arm in Arm durch das Meer hinaufstiegen, blieb die kleine Schwester ganz allein zurück und sah ihnen nach. Es war ihr, als müsste sie weinen, aber eine Meerjungfrau hat keine Tränen, und darum leidet sie noch viel mehr. „Ach, wäre ich doch schon fünfzehn!“, sagte sie. „Ich weiß, dass ich die Welt dort oben und die Menschen, die dort bauen und wohnen, richtig lieb haben werde!“
Endlich war sie fünfzehn Jahre alt. „So, nun bist du erwachsen“, sagte ihre Großmutter, die alte Königinwitwe. „Komm, lass mich dich schmücken wie deine Schwestern!“ Und sie setzte ihr einen Kranz aus weißen Lilien aufs Haar, aber jedes Blütenblatt war eine halbe Perle. Dann ließ die alte Dame acht große Austern sich am Schwanz der Prinzessin festklemmen, um ihren hohen Stand zu zeigen. „Das tut so weh!“, sagte die kleine Meerjungfrau. „Ja, wer schön sein will, muss leiden!“, sagte die alte Dame.
Oh, wie gern hätte sie all diese Pracht abgeschüttelt und den schweren Kranz abgelegt! Ihre roten Blumen im Garten hätten ihr viel besser gestanden, aber nun traute sie sich nicht mehr, etwas daran zu ändern. „Lebt wohl!“, sagte sie und stieg so leicht und klar wie eine Luftblase durch das Wasser hinauf.
Die Sonne war gerade untergegangen, als sie den Kopf über das Meer hob, aber alle Wolken leuchteten noch wie Rosen und Gold, und mitten am blassroten Himmel strahlte der Abendstern so hell und schön. Die Luft war mild und frisch und das Meer spiegelglatt. Da lag ein großes Schiff mit drei Masten. Nur ein einziges Segel war gesetzt, denn es regte sich kein Lüftchen, und ringsum in den Tauen und auf den Segelstangen saßen Matrosen. Es gab Musik und Gesang, und als der Abend dunkler wurde, zündete man hundert bunte Lampions an. Die sahen aus, als wehten die Flaggen aller Völker in der Luft.
Die kleine Meerjungfrau schwamm geradewegs zum Kajütenfenster, und jedes Mal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelblanken Scheiben hineinsehen, hinter denen viele festlich gekleidete Menschen standen. Der schönste von allen aber war der junge Prinz mit den großen schwarzen Augen. Er war bestimmt nicht viel älter als sechzehn Jahre. Es war sein Geburtstag, und darum wurde so prächtig gefeiert.
Die Matrosen tanzten an Deck, und als der junge Prinz hinaustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft. Sie leuchteten so hell, als wäre es Tag, sodass die kleine Meerjungfrau ganz erschrak und unter das Wasser tauchte. Aber bald streckte sie den Kopf wieder heraus, und da war es, als fielen alle Sterne des Himmels zu ihr herab.
Noch nie hatte sie ein solches Feuerwerk gesehen. Große Sonnen wirbelten im Kreis, prächtige Feuerfische schwangen sich durch die blaue Luft, und alles spiegelte sich im klaren, stillen Meer. Auf dem Schiff selbst war es so hell, dass man jedes kleine Tau erkennen konnte, und die Menschen erst recht. Oh, wie schön war doch der junge Prinz! Er drückte den Leuten die Hand, lachte und lächelte, während die Musik durch die herrliche Nacht klang.
Es wurde spät, aber die kleine Meerjungfrau konnte ihre Augen nicht von dem Schiff und von dem schönen Prinzen abwenden. Die bunten Lampions wurden gelöscht, die Raketen stiegen nicht mehr in die Höhe, und es donnerten auch keine Kanonenschüsse mehr. Aber tief unten im Meer summte und brummte es. Sie saß die ganze Zeit auf dem Wasser und schaukelte auf und ab, sodass sie in die Kajüte hineinsehen konnte.
Doch das Schiff fuhr immer schneller, ein Segel nach dem anderen blähte sich auf, die Wellen gingen höher, große Wolken zogen auf, und in der Ferne blitzte es. Oh, es würde ein schreckliches Unwetter geben! Darum holten die Matrosen die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in rasender Fahrt über das wilde Meer, und das Wasser türmte sich auf wie große schwarze Berge, als wollte es über den Mast stürzen. Aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen den hohen Wogen hinab und ließ sich wieder auf die turmhohen Wellen emporheben.
Der kleinen Meerjungfrau kam das wie eine lustige Fahrt vor, den Seeleuten aber nicht. Das Schiff ächzte und krachte, die dicken Planken bogen sich unter den heftigen Stößen, das Meer schlug gegen das Schiff, der Mast brach mitten durch, als wäre er ein Schilfrohr, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser in den Laderaum drang. Nun sah die kleine Meerjungfrau, dass die Menschen in Gefahr waren. Sie musste sich selbst vor den Balken und Schiffstrümmern in Acht nehmen, die auf dem Wasser trieben.
Einen Augenblick lang war es so stockfinster, dass sie nicht das Geringste sehen konnte, doch wenn es dann blitzte, wurde es wieder so hell, dass sie alle auf dem Schiff erkannte. Jeder versuchte sich zu retten, so gut er konnte. Vor allem nach dem jungen Prinzen hielt sie Ausschau, und als das Schiff auseinanderbrach, sah sie ihn in das tiefe Meer hinabsinken. Im ersten Augenblick freute sie sich sehr, denn nun kam er ja zu ihr herunter. Aber dann fiel ihr ein, dass Menschen nicht im Wasser leben können und dass er nur als Toter zum Schloss ihres Vaters hinunterkommen konnte.
Nein, sterben durfte er nicht! Darum schwamm sie zwischen den Balken und Planken hindurch, die auf dem Meer trieben, und vergaß ganz, dass sie davon zerquetscht werden konnte. Sie tauchte tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den Wellen empor, und so kam sie endlich zu dem jungen Prinzen, der in dem stürmischen Meer kaum noch schwimmen konnte. Seine Arme und Beine wurden schon matt, seine schönen Augen fielen zu, und er hätte sterben müssen, wenn die kleine Meerjungfrau nicht gekommen wäre. Sie hielt seinen Kopf über das Wasser und ließ sich mit ihm von den Wellen treiben, wohin sie wollten.
Am Morgen war das Unwetter vorbei. Von dem Schiff war nicht ein Splitter mehr zu sehen. Die Sonne stieg so rot und leuchtend aus dem Wasser, und es war, als kehrte davon das Leben in die Wangen des Prinzen zurück, aber seine Augen blieben geschlossen. Die Meerjungfrau küsste seine hohe, schöne Stirn und strich ihm das nasse Haar zurück. Sie fand, dass er der Marmorstatue unten in ihrem kleinen Garten glich. Sie küsste ihn noch einmal und wünschte sich, dass er doch am Leben bleiben möge.
Nun sah sie vor sich das feste Land, hohe blaue Berge, auf deren Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als lägen dort Schwäne. Unten an der Küste standen herrliche grüne Wälder, und davor lag eine Kirche oder ein Kloster, das wusste sie nicht so genau, aber ein Gebäude war es. Im Garten wuchsen Zitronen- und Orangenbäume, und vor dem Tor standen hohe Palmen. Das Meer bildete hier eine kleine Bucht, die ganz still war, aber sehr tief, bis hin zu dem Felsen, an dem das Meer feinen weißen Sand angespült hatte. Hierher schwamm sie mit dem schönen Prinzen, legte ihn in den Sand und gab besonders acht, dass sein Kopf hoch im warmen Sonnenschein lag.
Da läuteten die Glocken in dem großen weißen Gebäude, und viele junge Mädchen kamen durch den Garten. Die kleine Meerjungfrau schwamm weiter hinaus hinter ein paar hohe Steine, die aus dem Wasser ragten. Sie bedeckte ihr Haar und ihre Brust mit Meeresschaum, damit niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte, und passte auf, wer zu dem armen Prinzen kommen würde.
Es dauerte nicht lange, bis ein junges Mädchen dorthin kam. Es schien sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick lang. Dann holte es noch mehr Leute, und die Meerjungfrau sah, wie der Prinz wieder zu sich kam und alle ringsum anlächelte. Ihr aber, draußen im Meer, lächelte er nicht zu, er wusste ja nicht einmal, dass sie ihn gerettet hatte. Sie war so betrübt, und als man ihn in das große Gebäude führte, tauchte sie traurig ins Wasser hinab und kehrte heim zum Schloss ihres Vaters.
Sie war immer still und nachdenklich gewesen, aber nun wurde sie es noch viel mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie beim ersten Mal dort oben gesehen habe, aber sie erzählte nichts.
An manchem Abend und manchem Morgen stieg sie dort hinauf, wo sie den Prinzen zurückgelassen hatte. Sie sah, wie die Früchte im Garten reiften und gepflückt wurden, sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz, aber den Prinzen sah sie nicht. Und darum kehrte sie jedes Mal noch trauriger heim. Ihr einziger Trost war, in ihrem kleinen Garten zu sitzen und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die dem Prinzen glich. Ihre Blumen aber pflegte sie nicht mehr. Die wuchsen wie in einer Wildnis über die Wege und flochten ihre langen Stiele und Blätter in die Zweige der Bäume, sodass es dort ganz dämmrig wurde.
Schließlich hielt sie es nicht länger aus und erzählte es einer ihrer Schwestern. Sofort erfuhren es auch alle anderen, aber sonst niemand, nur noch ein paar andere Meerjungfrauen, die es keinem außer ihren besten Freundinnen weitersagten. Eine von ihnen wusste, wer der Prinz war. Auch sie hatte das Fest auf dem Schiff gesehen und wusste, woher er kam und wo sein Königreich lag. „Komm, kleine Schwester!“, sagten die anderen Prinzessinnen, und die Arme einander um die Schultern gelegt, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meer empor, dort, wo das Schloss des Prinzen stand, wie sie nun wussten.
Das Schloss war aus einem hellgelben, glänzenden Stein erbaut, mit großen Marmortreppen, und eine davon führte geradewegs hinunter ins Meer. Prächtige vergoldete Kuppeln erhoben sich über dem Dach, und zwischen den Säulen, die rings um das ganze Gebäude liefen, standen Marmorfiguren, die aussahen, als wären sie lebendig. Durch das klare Glas der hohen Fenster sah man in die herrlichsten Säle, in denen kostbare Seidenvorhänge und Wandteppiche hingen, und alle Wände waren mit großen Gemälden geschmückt, die anzusehen eine wahre Freude war. Mitten im größten Saal plätscherte ein großer Springbrunnen. Seine Strahlen stiegen hoch hinauf bis zur Glaskuppel in der Decke, durch die die Sonne auf das Wasser und auf die wunderschönen Pflanzen schien, die in dem großen Becken wuchsen.
Nun wusste sie, wo er wohnte, und dorthin kam sie an manchem Abend und in mancher Nacht. Sie schwamm viel näher ans Land heran, als eine der anderen es je gewagt hatte, ja, sie schwamm sogar den schmalen Kanal hinauf bis unter den prächtigen Marmorbalkon, der einen langen Schatten über das Wasser warf. Hier saß sie und sah den jungen Prinzen an, der glaubte, er sei ganz allein im hellen Mondschein. An manchem Abend sah sie ihn mit Musik in seinem schönen Boot segeln, auf dem die Flaggen wehten. Sie lugte zwischen dem grünen Schilf hervor, und wenn der Wind ihren langen silberweißen Schleier erfasste und jemand das sah, dachte man, es sei ein Schwan, der seine Flügel hob.
In mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln draußen auf dem Meer waren, hörte sie, wie sie so viel Gutes über den jungen Prinzen erzählten. Und es freute sie, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, als er halb tot auf den Wellen trieb. Sie dachte daran, wie fest sein Kopf an ihrer Brust geruht hatte und wie innig sie ihn damals geküsst hatte. Er aber wusste gar nichts davon und konnte nicht einmal von ihr träumen.
Immer mehr gewann sie die Menschen lieb, und immer mehr wünschte sie sich, zu ihnen hinaufsteigen zu können. Die Welt der Menschen kam ihr viel größer vor als ihre eigene. Sie konnten ja auf Schiffen über das Meer fliegen und auf die hohen Berge hoch über die Wolken steigen, und die Länder, die ihnen gehörten, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter, als ihr Blick reichte. Es gab so vieles, was sie gern gewusst hätte, aber die Schwestern wussten nicht auf alles eine Antwort. Darum fragte sie die alte Großmutter, und die kannte sich gut aus in der höheren Welt, die sie ganz richtig die Länder über dem Meer nannte.
„Wenn die Menschen nicht ertrinken“, fragte die kleine Meerjungfrau, „können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht so wie wir hier unten im Meer?“
„Doch“, sagte die alte Dame, „auch sie müssen sterben, und ihr Leben ist sogar kürzer als unseres. Wir können dreihundert Jahre alt werden, aber wenn es mit uns hier zu Ende geht, werden wir nur zu Schaum auf dem Wasser und haben hier unten nicht einmal ein Grab bei unseren Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir bekommen nie wieder ein Leben. Wir sind wie das grüne Schilf: Ist es einmal abgeschnitten, kann es nicht wieder grün werden! Die Menschen dagegen haben eine Seele, die immer lebt, die weiterlebt, auch wenn der Körper längst zu Erde geworden ist. Sie steigt durch die klare Luft hinauf, bis zu all den leuchtenden Sternen! So wie wir aus dem Meer auftauchen und die Länder der Menschen sehen, so steigen sie hinauf zu unbekannten, herrlichen Orten, die wir niemals zu sehen bekommen.“
„Warum haben wir keine unsterbliche Seele bekommen?“, sagte die kleine Meerjungfrau traurig. „Ich würde alle meine dreihundert Jahre, die ich noch zu leben habe, dafür hergeben, nur einen einzigen Tag ein Mensch zu sein und danach in die himmlische Welt zu dürfen!“ „Daran darfst du gar nicht denken!“, sagte die alte Dame. „Wir haben es viel glücklicher und besser als die Menschen dort oben!“
„Ich soll also sterben und als Schaum auf dem Meer treiben, nie mehr die Musik der Wellen hören und nie mehr die herrlichen Blumen und die rote Sonne sehen! Kann ich denn gar nichts tun, um eine ewige Seele zu gewinnen?“
„Nein!“, sagte die Großmutter. „Nur wenn ein Mensch dich so lieb hätte, dass du ihm mehr bedeutest als Vater und Mutter, wenn er mit all seinen Gedanken und seiner ganzen Liebe an dir hinge und der Priester seine rechte Hand in deine legte, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, dann würde seine Seele in deinen Körper hinüberfließen, und auch du dürftest am Glück der Menschen teilhaben. Er gäbe dir eine Seele und behielte doch seine eigene. Aber das kann niemals geschehen! Was hier im Meer gerade schön ist, dein Fischschwanz, das finden sie dort oben auf der Erde hässlich. Sie verstehen eben nichts davon. Dort muss man zwei plumpe Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!“
Da seufzte die kleine Meerjungfrau und sah traurig auf ihren Fischschwanz. „Lass uns vergnügt sein“, sagte die alte Dame, „hüpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben, das ist wahrhaftig lange genug, und danach kann man sich umso zufriedener ausruhen. Heute Abend ist Hofball!“





