Aus einem verzauberten Gerstenkorn wächst eine Tulpe, und darin sitzt ein Mädchen, das nur einen Daumen lang ist. Andersens zartes Märchen von einer winzigen Heldin auf ihrer langen Reise durch die große Welt, übersetzt aus dem dänischen Original.
Hans Christian Andersen · 28 Min. · gelesen von Marie
Däumelinchen: der Text zum Lesen und Vorlesen
Hans Christian Andersen (1835). Aus dem dänischen Original „Tommelise“ übersetzt.
Es war einmal eine Frau, die sich so sehr ein winzig kleines Kind wünschte, aber sie wusste gar nicht, woher sie eins bekommen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: „Ich hätte so von Herzen gern ein kleines Kind. Willst du mir nicht sagen, woher ich nur eins bekommen kann?“ „Oh, das lässt sich schon machen!“, sagte die Hexe. „Hier hast du ein Gerstenkorn. Das ist gar nicht von der Sorte, die auf dem Feld des Bauern wächst oder mit der man die Hühner füttert. Leg es in einen Blumentopf, dann wirst du etwas erleben!“
„Vielen Dank!“, sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schilling. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn ein, und sogleich wuchs eine herrliche große Blume empor. Sie sah ganz aus wie eine Tulpe, aber ihre Blätter waren fest geschlossen, als wäre sie noch eine Knospe. „Was für eine wunderhübsche Blume!“, sagte die Frau und küsste sie auf die schönen roten und gelben Blätter. Doch gerade als sie sie küsste, gab es einen lauten Knall, und die Blume öffnete sich. Nun konnte man sehen, dass es eine richtige Tulpe war. Aber mitten in der Blüte, auf dem grünen Stuhl, saß ein winzig kleines Mädchen, so fein und lieblich. Es war nur einen Daumen lang, und darum nannte man es Däumelinchen.
Eine hübsche, glänzend lackierte Walnussschale bekam es als Wiege, blaue Veilchenblätter waren seine Matratze und ein Rosenblatt seine Bettdecke. Darin schlief es in der Nacht, aber am Tag spielte es auf dem Tisch. Dort hatte die Frau einen Teller mit Wasser hingestellt und einen ganzen Kranz aus Blumen darum gelegt, die ihre Stiele ins Wasser steckten. Auf dem Wasser schwamm ein großes Tulpenblatt, und darauf durfte Däumelinchen sitzen und von einer Seite des Tellers zur anderen segeln. Zum Rudern hatte es zwei weiße Pferdehaare. Das sah wirklich reizend aus. Singen konnte es auch, oh, so fein und lieblich, wie man es hier noch nie gehört hatte.
Eines Nachts, als es in seinem hübschen Bett lag, kam eine scheußliche Kröte zum Fenster hereingehüpft, denn eine Scheibe war zerbrochen. Die Kröte war so hässlich, groß und nass. Sie hüpfte geradewegs auf den Tisch, wo Däumelinchen unter dem roten Rosenblatt lag und schlief. „Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!“, sagte die Kröte. Dann packte sie die Walnussschale, in der Däumelinchen schlief, und hüpfte mit ihm durch die zerbrochene Scheibe hinunter in den Garten.
Dort floss ein großer, breiter Fluss, aber gleich am Ufer war es sumpfig und schlammig, und hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohn. Uh, der war auch hässlich und garstig, ganz wie seine Mutter. „Quak, quak, brekkekekex!“, das war alles, was er sagen konnte, als er das niedliche kleine Mädchen in der Walnussschale sah. „Sprich nicht so laut, sonst wacht es auf!“, sagte die alte Kröte. „Es könnte uns noch davonlaufen, denn es ist so leicht wie eine Schwanendaune. Wir setzen es draußen im Fluss auf eines der breiten Seerosenblätter. Für so ein leichtes, kleines Ding ist das wie eine Insel. Von dort kann es nicht weglaufen, während wir unten im Schlamm die schöne Stube herrichten, wo ihr zusammen wohnen und ein Zuhause haben sollt.“
Draußen im Fluss wuchsen viele Seerosen mit breiten grünen Blättern, die aussehen, als ob sie oben auf dem Wasser schwimmen. Das Blatt, das am weitesten draußen lag, war auch das allergrößte. Dorthin schwamm die alte Kröte und setzte die Walnussschale mit Däumelinchen darauf. Das arme winzige Ding wachte am frühen Morgen auf, und als es sah, wo es war, fing es bitterlich an zu weinen, denn rings um das große grüne Blatt war Wasser, und es konnte gar nicht an Land kommen.
Die alte Kröte saß unten im Schlamm und schmückte ihre Stube mit Schilf und mit gelben Teichrosen, denn für die neue Schwiegertochter sollte alles richtig hübsch sein. Dann schwamm sie mit ihrem hässlichen Sohn hinaus zu dem Blatt, auf dem Däumelinchen stand. Sie wollten sein hübsches Bett holen, das sollte im Brautzimmer aufgestellt werden, noch bevor Däumelinchen selbst dorthin kam. Die alte Kröte machte im Wasser einen tiefen Knicks vor Däumelinchen und sagte: „Hier siehst du meinen Sohn, er soll dein Mann werden, und ihr sollt so schön unten im Schlamm wohnen!“ „Quak, quak, brekkekekex!“, das war alles, was der Sohn sagen konnte.
Dann nahmen sie das niedliche kleine Bett und schwammen damit fort. Däumelinchen aber saß ganz allein auf dem grünen Blatt und weinte, denn es wollte nicht bei der garstigen Kröte wohnen und auch nicht ihren hässlichen Sohn zum Mann haben. Die kleinen Fische, die unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und gehört, was sie sagte. Darum steckten sie die Köpfe heraus, denn sie wollten das kleine Mädchen doch sehen. Sobald sie es erblickten, fanden sie es so niedlich, und es tat ihnen so leid, dass es zu der hässlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte niemals geschehen! Sie scharten sich unten im Wasser um den grünen Stiel, der das Blatt hielt, auf dem es stand, und nagten den Stiel mit ihren Zähnen durch. Da schwamm das Blatt den Fluss hinunter, mit Däumelinchen fort, weit fort, wohin die Kröte nicht kommen konnte.
Däumelinchen segelte an vielen Orten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen es und sangen: „Was für ein niedliches kleines Fräulein!“ Das Blatt mit ihm schwamm immer weiter fort, und so reiste Däumelinchen ins Ausland. Ein hübscher kleiner weißer Schmetterling flatterte immerzu um Däumelinchen herum und setzte sich schließlich auf das Blatt, denn er hatte es so gern. Und Däumelinchen war ganz vergnügt, denn nun konnte die Kröte es nicht mehr erreichen, und es war so schön dort, wo es segelte. Die Sonne schien auf das Wasser, und das war wie das herrlichste Gold. Da nahm Däumelinchen seinen Gürtel, band das eine Ende um den Schmetterling und machte das andere Ende am Blatt fest. Nun glitt das Blatt viel schneller dahin und Däumelinchen mit, denn es stand ja darauf.
Da kam ein großer Maikäfer angeflogen. Er erblickte Däumelinchen, packte es im Nu mit seiner Klaue um die schlanke Taille und flog mit ihm auf einen Baum. Das grüne Blatt aber schwamm den Fluss hinunter, und der Schmetterling flog mit, denn er war an das Blatt gebunden und konnte nicht loskommen. Du meine Güte, wie erschrak das arme Däumelinchen, als der Maikäfer mit ihm auf den Baum flog! Aber am allertraurigsten war es wegen des schönen weißen Schmetterlings, den es an das Blatt gebunden hatte. Wenn er nun nicht loskam, musste er ja verhungern. Doch darum kümmerte sich der Maikäfer überhaupt nicht.
Er setzte sich mit ihm auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihm Süßes aus den Blüten zu essen und sagte, es sei so niedlich, obwohl es einem Maikäfer gar nicht ähnlich sehe. Später kamen alle anderen Maikäfer, die auf dem Baum wohnten, zu Besuch. Sie betrachteten Däumelinchen, und die Maikäferfräulein zuckten mit den Fühlern und sagten: „Es hat ja nur zwei Beine, wie armselig das aussieht!“ „Es hat keine Fühler!“, sagte eine andere. „Es ist so dünn um die Taille, pfui! Es sieht aus wie ein Mensch! Wie hässlich es ist!“, sagten alle Maikäferdamen.
Und dabei war Däumelinchen doch so niedlich! Das fand auch der Maikäfer, der es fortgetragen hatte. Aber als alle anderen sagten, es sei hässlich, glaubte er es schließlich auch und wollte es gar nicht mehr haben. Es konnte gehen, wohin es wollte. Sie flogen mit ihm vom Baum hinunter und setzten es auf ein Gänseblümchen. Dort weinte es, weil es so hässlich war, dass die Maikäfer es nicht haben wollten. Und dabei war es doch das Lieblichste, was man sich denken konnte, so fein und zart wie das schönste Rosenblatt.
Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen ganz allein in dem großen Wald. Es flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hängte es unter ein großes Klettenblatt, so konnte es nicht auf Däumelinchen regnen. Es naschte das Süße aus den Blüten und trank vom Tau, der jeden Morgen auf den Blättern lag. So vergingen Sommer und Herbst. Aber nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel, die ihm so schön vorgesungen hatten, flogen davon, die Bäume und Blumen verwelkten, und das große Klettenblatt, unter dem es gewohnt hatte, rollte sich zusammen und wurde nur noch ein gelber, welker Stängel.
Däumelinchen fror ganz schrecklich, denn seine Kleider waren zerrissen, und es war selbst so zart und klein, das arme Däumelinchen. Es musste ja erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf Däumelinchen fiel, war so, als würde man eine ganze Schaufel voll Schnee auf uns werfen, denn wir sind groß, und es war nur einen Daumen lang. Da wickelte es sich in ein welkes Blatt, aber das wollte nicht wärmen, und es zitterte vor Kälte.
Dicht vor dem Wald, wo es nun angekommen war, lag ein großes Kornfeld. Aber das Korn war längst fort, nur die kahlen, trockenen Stoppeln ragten aus der gefrorenen Erde. Für Däumelinchen waren sie wie ein ganzer Wald, durch den es gehen musste, und oh, wie zitterte es vor Kälte! Da kam es an die Tür der Feldmaus. Die war ein kleines Loch unter den Kornstoppeln. Dort wohnte die Feldmaus warm und gemütlich, sie hatte die ganze Stube voller Korn, eine schöne Küche und eine Vorratskammer. Däumelinchen stellte sich gleich an die Tür, wie ein armes kleines Bettelmädchen, und bat um ein kleines Stückchen von einem Gerstenkorn, denn es hatte seit zwei Tagen nicht das Geringste zu essen bekommen.
„Du armes kleines Ding!“, sagte die Feldmaus, denn im Grunde war sie eine gute alte Feldmaus. „Komm herein in meine warme Stube und iss mit mir!“ Weil ihr Däumelinchen gut gefiel, sagte sie: „Du kannst gern den Winter über bei mir bleiben, aber du musst meine Stube schön sauber halten und mir Geschichten erzählen, denn die mag ich sehr.“ Und Däumelinchen tat, was die gute alte Feldmaus verlangte, und es ging ihm dort richtig gut.
„Nun bekommen wir wohl bald Besuch!“, sagte die Feldmaus. „Mein Nachbar besucht mich jede Woche einmal. Er wohnt noch viel besser als ich, er hat große Säle und trägt einen so herrlichen schwarzen Samtpelz! Wenn du den nur zum Mann bekommen könntest, dann wärst du gut versorgt. Aber er kann nicht sehen. Du musst ihm die allerschönsten Geschichten erzählen, die du kennst!“
Aber daraus machte sich Däumelinchen gar nichts, es wollte den Nachbarn überhaupt nicht haben, denn er war ein Maulwurf. Er kam in seinem schwarzen Samtpelz zu Besuch. Er sei so reich und so gelehrt, sagte die Feldmaus. Seine Wohnung war auch mehr als zwanzigmal größer als die der Feldmaus, und Wissen hatte er, aber die Sonne und die schönen Blumen konnte er gar nicht leiden. Er redete schlecht über sie, denn er hatte sie nie gesehen. Däumelinchen musste singen, und es sang „Maikäfer, flieg!“ und „Der Mönch geht über die Wiese“. Da verliebte sich der Maulwurf in Däumelinchen, wegen der schönen Stimme, aber er sagte nichts, denn er war ein so bedächtiger Mann.
Vor Kurzem hatte er sich einen langen Gang durch die Erde gegraben, von seinem Haus bis zu ihrem, und darin durften die Feldmaus und Däumelinchen spazieren gehen, wann sie wollten. Er bat sie aber, sich nicht vor dem toten Vogel zu fürchten, der in dem Gang lag. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel, der wohl erst neulich gestorben war, als der Winter anfing, und nun gerade dort begraben lag, wo der Maulwurf seinen Gang gegraben hatte.
Der Maulwurf nahm ein Stück morsches Holz in den Mund, denn das leuchtet ja im Dunkeln wie Feuer, und ging dann voran und leuchtete ihnen in dem langen, dunklen Gang. Als sie zu der Stelle kamen, wo der tote Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde nach oben, so dass ein großes Loch entstand, durch das nun Licht hereinfallen konnte. Mitten auf dem Boden lag eine tote Schwalbe, die schönen Flügel fest an den Körper gedrückt, die Beine und den Kopf unter die Federn gezogen. Der arme Vogel war bestimmt vor Kälte gestorben. Er tat Däumelinchen so leid, denn es hatte alle kleinen Vögel so lieb. Sie hatten ihm ja den ganzen Sommer über so schön vorgesungen und vorgezwitschert. Der Maulwurf aber stieß den Vogel mit seinen kurzen Beinen an und sagte: „Jetzt piept er nicht mehr! Wie jämmerlich muss es sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Gott sei Dank wird keins von meinen Kindern so etwas. So ein Vogel hat ja nichts als sein Gezwitscher und muss im Winter verhungern!“
„Ja, das können Sie als vernünftiger Mann wohl sagen“, sagte die Feldmaus. „Was hat der Vogel von all seinem Gezwitscher, wenn der Winter kommt? Er muss hungern und frieren. Aber das soll ja wohl etwas ganz Großartiges sein!“ Däumelinchen sagte nichts. Doch als die beiden anderen dem Vogel den Rücken zukehrten, beugte es sich hinunter, schob die Federn beiseite, die ihm über dem Kopf lagen, und küsste ihn auf die geschlossenen Augen. „Vielleicht war es dieser Vogel, der mir im Sommer so schön vorgesungen hat“, dachte es. „Wie viel Freude hat er mir gemacht, der liebe, schöne Vogel!“
Nun stopfte der Maulwurf das Loch zu, durch das der Tag hereinschien, und brachte die Damen nach Hause. Aber in der Nacht konnte Däumelinchen gar nicht schlafen. Da stand es auf und flocht aus Heu eine große, schöne Decke. Die trug es hinunter und breitete sie rings um den toten Vogel aus, und an seine Seiten legte es weiche Watte, die es in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, damit er in der kalten Erde warm liegen konnte.
„Leb wohl, du schöner kleiner Vogel!“, sagte es. „Leb wohl und danke für dein herrliches Lied im Sommer, als alle Bäume grün waren und die Sonne so warm auf uns schien!“ Dann legte es seinen Kopf an die Brust des Vogels, erschrak aber im selben Augenblick sehr, denn es war, als ob da drinnen etwas klopfte. Das war das Herz des Vogels. Der Vogel war nicht tot, er war nur ganz erstarrt gewesen, und nun war er warm geworden und wurde wieder lebendig. Im Herbst fliegen nämlich alle Schwalben fort in die warmen Länder. Wenn sich aber eine verspätet, dann friert sie so sehr, dass sie wie tot herunterfällt. Sie bleibt liegen, wo sie hinfällt, und der kalte Schnee legt sich über sie.
Däumelinchen zitterte richtig, so sehr war es erschrocken. Der Vogel war ja groß, ganz groß im Vergleich zu ihm, denn es war nur einen Daumen lang. Aber es fasste sich ein Herz, legte die Watte dichter um die arme Schwalbe, holte ein Minzblatt, das es selbst als Bettdecke gehabt hatte, und legte es über den Kopf des Vogels. In der nächsten Nacht schlich es sich wieder zu ihm hinunter. Da war der Vogel ganz lebendig, aber so matt, dass er nur einen kleinen Augenblick die Augen öffnen und Däumelinchen ansehen konnte. Es stand mit einem Stückchen morschem Holz in der Hand da, denn eine andere Laterne hatte es nicht.
„Ich danke dir, du liebes kleines Kind!“, sagte die kranke Schwalbe zu Däumelinchen. „Ich bin so schön warm geworden! Bald bin ich wieder bei Kräften und kann hinausfliegen in den warmen Sonnenschein!“ „Oh“, sagte Däumelinchen, „draußen ist es so kalt, es schneit und friert! Bleib du nur in deinem warmen Bett, ich will dich schon pflegen!“
Dann brachte es der Schwalbe Wasser in einem Blütenblatt, und sie trank und erzählte ihm, wie sie sich an einem Dornbusch den einen Flügel eingerissen hatte und darum nicht so schnell fliegen konnte wie die anderen Schwalben, die damals fortflogen, weit fort in die warmen Länder. Zuletzt war sie auf die Erde gefallen, aber an mehr konnte sie sich nicht erinnern, und sie wusste gar nicht, wie sie hierhergekommen war. Den ganzen Winter blieb sie nun hier unten, und Däumelinchen war gut zu ihr und hatte sie sehr lieb. Weder der Maulwurf noch die Feldmaus erfuhren auch nur das Geringste davon, denn sie konnten die arme Schwalbe ja nicht leiden.
Sobald der Frühling kam und die Sonne die Erde wärmte, sagte die Schwalbe Däumelinchen Lebewohl, und Däumelinchen öffnete das Loch, das der Maulwurf oben gemacht hatte. Die Sonne schien so herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe fragte, ob Däumelinchen nicht mitkommen wolle. Es könne auf ihrem Rücken sitzen, und sie würden weit hinaus in den grünen Wald fliegen. Aber Däumelinchen wusste, dass es die alte Feldmaus traurig machen würde, wenn es sie so verließe.
„Nein, ich kann nicht!“, sagte Däumelinchen. „Leb wohl, leb wohl, du gutes, liebes Mädchen!“, sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Tränen traten ihm in die Augen, denn es hatte die arme Schwalbe so lieb. „Quivit, quivit!“, sang der Vogel und flog in den grünen Wald.
Däumelinchen war so traurig. Es durfte gar nicht hinaus in den warmen Sonnenschein. Das Korn, das auf dem Acker über dem Haus der Feldmaus gesät war, wuchs auch hoch in die Luft. Es war ein ganz dichter Wald für das arme kleine Mädchen, das ja nur einen Daumen lang war. „Diesen Sommer sollst du an deiner Aussteuer nähen!“, sagte die Feldmaus zu ihm, denn nun hatte der Nachbar, der langweilige Maulwurf im schwarzen Samtpelz, um Däumelinchens Hand angehalten. „Du sollst Sachen aus Wolle und aus Leinen haben! Du sollst etwas zum Sitzen und zum Liegen haben, wenn du die Frau des Maulwurfs wirst!“
Däumelinchen musste mit der Spindel spinnen, und die Feldmaus stellte vier Spinnen ein, die Tag und Nacht spannen und webten. Jeden Abend kam der Maulwurf zu Besuch und sprach dann immer davon, dass die Sonne, wenn der Sommer zu Ende ginge, längst nicht mehr so heiß scheinen würde, denn jetzt brannte sie ja die Erde hart wie Stein. Ja, wenn der Sommer vorbei sei, dann solle die Hochzeit mit Däumelinchen sein. Aber Däumelinchen freute sich gar nicht, denn es mochte den langweiligen Maulwurf nicht. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, schlich es sich hinaus vor die Tür. Und wenn dann der Wind die Kornhalme auseinanderwehte, so dass es den blauen Himmel sehen konnte, dachte es daran, wie hell und schön es hier draußen war, und wünschte sich so sehr, die liebe Schwalbe wiederzusehen. Aber sie kam nie mehr. Sie flog wohl weit fort in dem schönen grünen Wald.
Als es nun Herbst wurde, war Däumelinchens ganze Aussteuer fertig. „In vier Wochen ist deine Hochzeit!“, sagte die Feldmaus zu ihm. Aber Däumelinchen weinte und sagte, es wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben.
„Schnickschnack!“, sagte die Feldmaus. „Sei nicht so bockig, sonst beiße ich dich mit meinem weißen Zahn! Du bekommst doch einen prächtigen Mann! So einen schwarzen Samtpelz hat nicht einmal die Königin! Er hat Küche und Keller voll. Sei Gott dankbar für ihn!“
Nun sollte die Hochzeit gefeiert werden. Der Maulwurf war schon gekommen, um Däumelinchen abzuholen. Es sollte mit ihm tief unter der Erde wohnen und nie mehr hinaus in die warme Sonne kommen, denn die konnte er nicht leiden. Das arme Kind war so traurig, denn nun sollte es der schönen Sonne Lebewohl sagen, die es bei der Feldmaus doch wenigstens von der Tür aus hatte anschauen dürfen.
„Leb wohl, du helle Sonne!“, sagte es und streckte die Arme hoch in die Luft. Es ging auch ein kleines Stückchen vor das Haus der Feldmaus hinaus, denn jetzt war das Korn geerntet, und hier standen nur noch die trockenen Stoppeln. „Leb wohl, leb wohl!“, sagte es und schlang seine Ärmchen um eine kleine rote Blume, die dort stand. „Grüß die kleine Schwalbe von mir, wenn du sie siehst!“
„Quivit, quivit!“, klang es im selben Augenblick über seinem Kopf. Es sah hinauf, und da war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeiflog. Sobald sie Däumelinchen sah, freute sie sich sehr. Däumelinchen erzählte ihr, wie ungern es den hässlichen Maulwurf zum Mann nehmen wollte und dass es dann tief unter der Erde wohnen müsse, wo niemals die Sonne schien. Dabei musste es einfach weinen.
„Jetzt kommt der kalte Winter“, sagte die kleine Schwalbe. „Ich fliege weit fort in die warmen Länder. Willst du mit mir kommen? Du kannst auf meinem Rücken sitzen! Binde dich nur mit deinem Gürtel fest, dann fliegen wir fort von dem hässlichen Maulwurf und seiner dunklen Stube, weit fort über die Berge in die warmen Länder, wo die Sonne schöner scheint als hier, wo immer Sommer ist und es herrliche Blumen gibt. Flieg nur mit mir, du süßes kleines Däumelinchen, du hast mir doch das Leben gerettet, als ich steif gefroren in dem dunklen Erdkeller lag!“
„Ja, ich komme mit dir!“, sagte Däumelinchen und setzte sich auf den Rücken des Vogels, mit den Füßen auf dem ausgebreiteten Flügel. Es band seinen Gürtel an einer der stärksten Federn fest, und dann flog die Schwalbe hoch hinauf in die Luft, über Wald und See, hoch hinauf über die großen Berge, auf denen immer Schnee liegt. Däumelinchen fror in der kalten Luft, aber da kroch es unter die warmen Federn des Vogels und steckte nur sein Köpfchen heraus, um all die Herrlichkeit unter sich zu sehen.
So kamen sie in die warmen Länder. Dort schien die Sonne viel heller als hier, der Himmel war doppelt so hoch, und an Gräben und Hecken wuchsen die herrlichsten grünen und blauen Weintrauben. In den Wäldern hingen Zitronen und Orangen, es duftete nach Myrte und Minze, und auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter fort, und es wurde immer schöner und schöner. Unter den herrlichsten grünen Bäumen am blauen See stand ein schimmernd weißes Marmorschloss aus alten Zeiten. Weinranken schlangen sich an den hohen Säulen empor, und ganz oben waren viele Schwalbennester. In einem davon wohnte die Schwalbe, die Däumelinchen trug.
„Hier ist mein Haus!“, sagte die Schwalbe. „Aber wenn du dir jetzt selbst eine von den prächtigen Blumen aussuchen willst, die dort unten wachsen, dann setze ich dich hinein, und du sollst es so schön haben, wie du es dir nur wünschen kannst!“ „Das wäre herrlich!“, sagte Däumelinchen und klatschte in die kleinen Hände.
Dort lag eine große weiße Marmorsäule, die umgefallen und in drei Stücke zerbrochen war, und zwischen den Stücken wuchsen die schönsten großen weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen hinunter und setzte es auf eines der breiten Blätter. Aber wie staunte es da! Mitten in der Blume saß ein kleiner Mann, so weiß und durchsichtig, als wäre er aus Glas. Auf dem Kopf trug er die niedlichste goldene Krone und an den Schultern die herrlichsten klaren Flügel, und er selbst war nicht größer als Däumelinchen. Er war der Engel der Blume. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine kleine Frau, aber dieser war der König über sie alle.
„Ach, wie schön er ist!“, flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrak sehr vor der Schwalbe, denn gegen ihn, der so klein und zart war, war sie ja ein richtiger Riesenvogel. Aber als er Däumelinchen sah, wurde er so froh, denn es war das allerschönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Darum nahm er seine goldene Krone vom Kopf und setzte sie Däumelinchen auf. Er fragte, wie es heiße und ob es seine Frau werden wolle, dann würde es Königin über alle Blumen sein! Ja, das war wirklich ein anderer Mann als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Samtpelz!
Darum sagte Däumelinchen Ja zu dem schönen Prinzen. Aus jeder Blume kam eine Dame oder ein Herr, so niedlich, dass es eine Freude war, und jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk. Das schönste Geschenk aber war ein Paar schöne Flügel von einer großen weißen Fliege. Die wurden Däumelinchen am Rücken festgemacht, und nun konnte es auch von Blume zu Blume fliegen. Da war die Freude groß. Die kleine Schwalbe saß oben in ihrem Nest und sang für sie, so gut sie konnte, aber im Herzen war sie doch traurig, denn sie hatte Däumelinchen so lieb und hätte sich niemals von ihm trennen wollen.
„Du sollst nicht Däumelinchen heißen!“, sagte der Engel der Blume zu dem Mädchen. „Das ist ein hässlicher Name, und du bist so schön. Wir wollen dich Maja nennen!“ „Lebt wohl, lebt wohl!“, sagte die kleine Schwalbe und flog wieder fort aus den warmen Ländern, weit fort, zurück nach Dänemark. Dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann. Dem sang sie „Quivit, quivit!“ vor, und daher kennen wir die ganze Geschichte.





