Aus dem größten Ei schlüpft ein großes, graues Entlein, das niemand leiden kann, und so zieht es ganz allein hinaus in die weite Welt. Andersens berühmtes Märchen, übersetzt aus dem dänischen Original.
Hans Christian Andersen · 25 Min. · gelesen von Marie
Das hässliche Entlein: der Text zum Lesen und Vorlesen
Hans Christian Andersen (1843). Aus dem dänischen Original „Den grimme Ælling“ übersetzt.
Draußen auf dem Land war es so schön! Es war Sommer. Das Korn stand gelb, der Hafer grün, unten auf den grünen Wiesen lag das Heu in Haufen, und dort spazierte der Storch auf seinen langen roten Beinen umher und redete Ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt. Rings um die Felder und Wiesen lagen große Wälder, und mitten in den Wäldern tiefe Seen. Ja, es war wirklich schön draußen auf dem Land! Mitten im Sonnenschein lag ein altes Gutshaus mit tiefen Wassergräben rundherum, und von der Mauer bis hinunter zum Wasser wuchsen große Klettenblätter, die waren so hoch, dass kleine Kinder aufrecht unter den größten stehen konnten. Dort drinnen war es so wild wie im dichtesten Wald, und hier saß eine Ente auf ihrem Nest. Sie sollte ihre kleinen Entlein ausbrüten, aber nun hatte sie fast genug davon, weil es so lange dauerte und sie so selten Besuch bekam. Die anderen Enten schwammen lieber in den Gräben umher, als heraufzulaufen und unter einem Klettenblatt zu sitzen, um mit ihr zu schnattern.
Endlich knackte ein Ei nach dem anderen. „Piep! Piep!“, machte es, alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus.
„Quak! Quak!“, sagte sie, und da beeilten sich die Kleinen, so schnell sie konnten, und guckten unter den grünen Blättern nach allen Seiten. Die Mutter ließ sie gucken, so viel sie wollten, denn Grün ist gut für die Augen.
„Wie groß ist die Welt doch!“, sagten alle Jungen, denn jetzt hatten sie natürlich viel mehr Platz als damals, als sie noch im Ei lagen.
„Glaubt ihr, das ist die ganze Welt?“, sagte die Mutter. „Die reicht noch weit über die andere Seite des Gartens hinaus, bis hinein ins Feld des Pfarrers! Aber dort bin ich noch nie gewesen. Ihr seid doch wohl alle da?“ Und dann stand sie auf. „Nein, ich habe nicht alle! Das größte Ei liegt immer noch da. Wie lange soll das denn noch dauern? Jetzt habe ich bald wirklich genug!“ Und sie setzte sich wieder darauf.
„Na, wie geht es?“, fragte eine alte Ente, die zu Besuch kam.
„Es dauert so lange mit dem einen Ei!“, sagte die Ente, die auf dem Nest saß. „Es will einfach kein Loch bekommen! Aber jetzt sieh dir die anderen an! Das sind die schönsten Entlein, die ich je gesehen habe. Sie sehen alle ihrem Vater ähnlich, diesem Schlingel, und der kommt mich nicht einmal besuchen.“
„Lass mich das Ei sehen, das nicht aufgehen will!“, sagte die Alte. „Du kannst mir glauben, das ist ein Truthahnei! So bin ich auch einmal hereingelegt worden, und ich hatte nichts als Kummer und Ärger mit den Jungen, denn die haben Angst vor dem Wasser, das kann ich dir sagen! Ich bekam sie einfach nicht hinein! Ich quakte und schnappte nach ihnen, aber es half nichts! Lass mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Truthahnei! Lass du es liegen und bring lieber den anderen Kindern das Schwimmen bei!“
„Ich will doch noch ein bisschen darauf sitzen!“, sagte die Ente. „Wenn ich schon so lange gesessen habe, dann kann ich auch noch ein paar Tage länger sitzen!“
„Bitte sehr!“, sagte die alte Ente, und dann ging sie.
Endlich platzte das große Ei. „Piep! Piep!“, machte das Junge und purzelte heraus. Es war so groß und hässlich. Die Ente sah es an. „Das ist aber ein schrecklich großes Entlein!“, sagte sie. „Keins von den anderen sieht so aus! Es wird doch wohl kein Truthahnküken sein? Na, das werden wir bald herausfinden! Ins Wasser muss es, und wenn ich es selbst hineinschubsen muss!“
Am nächsten Tag war wunderbares, herrliches Wetter. Die Sonne schien auf all die grünen Kletten. Die Entenmutter kam mit ihrer ganzen Familie hinunter an den Graben. Platsch! Da sprang sie ins Wasser. „Quak! Quak!“, sagte sie, und ein Entlein nach dem anderen plumpste hinterher. Das Wasser schlug ihnen über dem Kopf zusammen, aber gleich kamen sie wieder hoch und schwammen so schön. Die Beine bewegten sich ganz von selbst, und alle waren sie im Wasser, sogar das hässliche graue Junge schwamm mit.
„Nein, das ist kein Truthahn!“, sagte sie. „Seht nur, wie schön es mit den Beinen paddelt, wie gerade es sich hält! Das ist mein eigenes Kind! Eigentlich ist es doch ganz hübsch, wenn man es richtig ansieht. Quak! Quak! Kommt jetzt mit mir, ich will euch in die Welt hinausführen und euch im Entenhof vorstellen. Aber bleibt immer dicht bei mir, damit niemand auf euch tritt, und nehmt euch vor den Katzen in Acht!“
Und so kamen sie in den Entenhof. Dort drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn zwei Familien stritten sich um einen Aalkopf, und am Ende bekam ihn doch die Katze.
„Seht ihr, so geht es zu in der Welt!“, sagte die Entenmutter und leckte sich den Schnabel, denn sie hätte den Aalkopf auch gern gehabt. „Jetzt rührt eure Beine!“, sagte sie. „Seht zu, dass ihr euch ein bisschen rappelt, und neigt den Hals vor der alten Ente dort drüben! Sie ist die vornehmste von allen hier. Sie hat spanisches Blut, darum ist sie so dick. Und seht ihr, sie hat einen roten Lappen um das Bein! Das ist etwas ganz besonders Schönes und die größte Auszeichnung, die eine Ente bekommen kann. Es bedeutet, dass man sie nicht verlieren will und dass Tiere und Menschen sie erkennen sollen! Rappelt euch! Nicht die Füße nach innen! Ein gut erzogenes Entlein setzt die Beine weit auseinander, genau wie Vater und Mutter! Seht ihr, so! Jetzt neigt den Hals und sagt: Quak!“
Und das taten sie. Aber die anderen Enten ringsum sahen sie an und sagten ganz laut: „Seht euch das an! Jetzt kommt auch noch diese Bande dazu! Als ob wir nicht schon genug wären! Und pfui, wie sieht das eine Entlein aus! Das wollen wir hier nicht haben!“ Und sofort flog eine Ente hin und biss es in den Nacken.
„Lass es in Ruhe!“, sagte die Mutter. „Es tut doch niemandem etwas!“
„Ja, aber es ist zu groß und zu sonderbar!“, sagte die Ente, die gebissen hatte. „Und darum muss es ein bisschen gezaust werden!“
„Hübsche Kinder hat die Mutter da!“, sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein. „Alle hübsch, bis auf eins, das ist nicht gelungen! Ich wünschte, sie könnte es noch einmal neu machen!“
„Das geht nicht, Euer Gnaden!“, sagte die Entenmutter. „Es ist nicht hübsch, aber es ist herzensgut und schwimmt so schön wie irgendeins von den anderen, ja, ich darf wohl sagen, sogar noch ein bisschen besser! Ich glaube, es wird noch hübsch, wenn es wächst, oder es wird mit der Zeit ein bisschen kleiner. Es hat zu lange im Ei gelegen, und darum hat es nicht die richtige Gestalt bekommen!“ Und dann zupfte sie es am Nacken und strich ihm das ganze Gefieder glatt. „Es ist außerdem ein Enterich“, sagte sie, „und da macht es nicht so viel aus! Ich glaube, es wird stark und kräftig, es schlägt sich schon durch!“
„Die anderen Entlein sind allerliebst!“, sagte die Alte. „Tut jetzt so, als wärt ihr zu Hause, und wenn ihr einen Aalkopf findet, dann könnt ihr ihn mir bringen!“
Und so waren sie wie zu Hause.
Aber das arme Entlein, das als Letztes aus dem Ei gekommen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und ausgelacht, von den Enten genauso wie von den Hühnern. „Es ist zu groß!“, sagten sie alle. Und der Truthahn, der mit Sporen auf die Welt gekommen war und darum glaubte, er sei ein Kaiser, blies sich auf wie ein Schiff mit vollen Segeln, ging geradewegs auf das Entlein los, kollerte laut und wurde ganz rot am Kopf. Das arme Kleine wusste weder, wo es stehen, noch wohin es gehen sollte. Es war so traurig, weil es so hässlich aussah und der ganze Entenhof es verspottete.
So ging es am ersten Tag, und danach wurde es immer schlimmer. Das arme Entlein wurde von allen gejagt, sogar seine Geschwister waren böse zu ihm und sagten immer: „Wenn dich doch nur die Katze holen würde, du hässliches Scheusal!“ Und die Mutter sagte: „Wärst du doch nur weit weg!“ Und die Enten bissen es, und die Hühner hackten nach ihm, und die Magd, die den Tieren das Futter brachte, trat mit dem Fuß nach ihm.
Da lief es davon und flatterte über die Hecke. Die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. „Das ist, weil ich so hässlich bin“, dachte das Entlein und schloss die Augen, aber es lief trotzdem weiter. So kam es hinaus in das große Moor, wo die Wildenten wohnten. Dort lag es die ganze Nacht, so müde und traurig war es.
Am Morgen flogen die Wildenten auf und betrachteten den neuen Kameraden. „Was bist du denn für einer?“, fragten sie, und das Entlein drehte sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.
„Du bist aber furchtbar hässlich!“, sagten die Wildenten. „Aber das kann uns ja egal sein, solange du nicht in unsere Familie einheiratest!“ Das arme Ding! Es dachte wirklich nicht ans Heiraten. Es wollte nur im Schilf liegen dürfen und ein wenig Moorwasser trinken.
Dort lag es ganze zwei Tage. Dann kamen zwei Wildgänse, oder besser gesagt zwei Gänseriche, denn es waren zwei Männchen. Sie waren noch nicht lange aus dem Ei geschlüpft, und darum waren sie so übermütig.
„Hör mal, Kamerad!“, sagten sie. „Du bist so hässlich, dass wir dich richtig gut leiden können! Willst du mitziehen und ein Zugvogel werden? Ganz in der Nähe, in einem anderen Moor, gibt es ein paar süße, liebe Wildgänse, lauter junge Fräulein, die Quak sagen können! Dort kannst du dein Glück machen, so hässlich bist du!“
„Piff! Paff!“, knallte es da über ihnen, und beide Gänseriche versteckten sich erschrocken tief im Schilf. Piff! Paff! knallte es wieder, und ganze Scharen von Wildgänsen flogen aus dem Schilf auf, und dann knallte es noch einmal. Es war eine große Jagd. Die Jäger lagen rings um das Moor, ja, einige saßen sogar oben in den Ästen der Bäume, die weit über das Schilf hinausragten. Der blaue Rauch zog wie Wolken zwischen die dunklen Bäume und hing weit über dem Wasser. Durch den Schlamm kamen die Jagdhunde, platsch, platsch! Schilf und Rohr schwankten nach allen Seiten. Das war ein Schrecken für das arme Entlein! Es drehte den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, und genau in diesem Augenblick stand dicht neben ihm ein furchtbar großer Hund. Die Zunge hing ihm weit aus dem Maul, und seine Augen funkelten ganz schaurig. Er streckte die Schnauze ganz dicht an das Entlein heran, zeigte die scharfen Zähne, und platsch, platsch! ging er wieder weiter, ohne es zu packen.
„Piff! Paff!“, knallte es da über ihnen, und beide Gänseriche fielen tot ins Schilf, und das Wasser wurde blutrot. Piff! Paff! knallte es wieder, und ganze Scharen von Wildgänsen flogen aus dem Schilf auf, und dann knallte es noch einmal. Es war eine große Jagd. Die Jäger lagen rings um das Moor, ja, einige saßen sogar oben in den Ästen der Bäume, die weit über das Schilf hinausragten. Der blaue Rauch zog wie Wolken zwischen die dunklen Bäume und hing weit über dem Wasser. Durch den Schlamm kamen die Jagdhunde, platsch, platsch! Schilf und Rohr schwankten nach allen Seiten. Das war ein Schrecken für das arme Entlein! Es drehte den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, und genau in diesem Augenblick stand dicht neben ihm ein furchtbar großer Hund. Die Zunge hing ihm weit aus dem Maul, und seine Augen funkelten ganz schaurig. Er streckte die Schnauze ganz dicht an das Entlein heran, zeigte die scharfen Zähne, und platsch, platsch! ging er wieder weiter, ohne es zu packen.
„Oh, Gott sei Dank!“, seufzte das Entlein. „Ich bin so hässlich, dass nicht einmal der Hund mich beißen mag!“
Und so lag es ganz still, während die Schrotkugeln durch das Schilf pfiffen und Schuss auf Schuss knallte.
Erst spät am Tag wurde es still, aber das arme Junge wagte noch immer nicht aufzustehen. Es wartete noch viele Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es aus dem Moor fort, so schnell es nur konnte. Es lief über Feld und Wiese, und es wehte ein solcher Wind, dass es kaum vorwärtskam.
Gegen Abend kam es zu einem armen kleinen Bauernhäuschen. Das war so elend, dass es selbst nicht wusste, nach welcher Seite es umfallen sollte, und darum blieb es einfach stehen. Der Wind sauste so um das Entlein herum, dass es sich auf den Schwanz setzen musste, um sich dagegenzustemmen, und es wurde immer schlimmer. Da bemerkte es, dass die Tür aus der einen Angel gesprungen war und so schief hing, dass es durch den Spalt in die Stube schlüpfen konnte, und das tat es auch.
Hier wohnte eine alte Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Der Kater, den sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren, ja, er sprühte sogar Funken, aber dann musste man ihn gegen den Strich streicheln. Die Henne hatte ganz kleine, kurze Beine, und darum nannte man sie Küchelchen Kurzbein. Sie legte gute Eier, und die Frau hatte sie so lieb wie ihr eigenes Kind.
Am Morgen bemerkte man das fremde Entlein sofort, und der Kater fing an zu schnurren und die Henne zu glucken.
„Was ist denn das?“, sagte die Frau und sah sich um. Aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, das Entlein sei eine fette Ente, die sich verlaufen hatte. „Das ist ja ein schöner Fang!“, sagte sie. „Jetzt kann ich Enteneier bekommen, wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir ausprobieren!“
Und so wurde das Entlein drei Wochen lang auf Probe aufgenommen, aber es kamen keine Eier. Der Kater war Herr im Haus, und die Henne war Madame, und immer sagten sie: „Wir und die Welt!“ Denn sie glaubten, sie wären die Hälfte davon, und zwar die allerbeste Hälfte. Das Entlein fand, man könne auch anderer Meinung sein, aber das duldete die Henne nicht.
„Kannst du Eier legen?“, fragte sie.
„Nein!“
„Na, dann halt gefälligst den Schnabel!“
Und der Kater sagte: „Kannst du einen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?“
„Nein!“
„Na, dann hast du auch keine Meinung zu haben, wenn vernünftige Leute reden!“
Und das Entlein saß in der Ecke und war schlecht gelaunt. Da musste es an die frische Luft und an den Sonnenschein denken. Es bekam eine so wunderliche Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es schließlich nicht anders konnte, es musste der Henne davon erzählen.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte sie. „Du hast nichts zu tun, darum hast du solche Flausen im Kopf! Leg Eier oder schnurre, dann vergehen sie.“
„Aber es ist so herrlich, auf dem Wasser zu schwimmen!“, sagte das Entlein. „So herrlich, wenn einem das Wasser über dem Kopf zusammenschlägt und man bis auf den Grund hinuntertaucht!“
„Ja, das ist ein großes Vergnügen!“, sagte die Henne. „Du bist wohl verrückt geworden! Frag doch den Kater, er ist der Klügste, den ich kenne, ob er gern auf dem Wasser schwimmt oder untertaucht! Von mir will ich gar nicht reden. Frag sogar unsere Herrin, die alte Frau, klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, sie hat Lust, zu schwimmen und Wasser über den Kopf zu bekommen?“
„Ihr versteht mich nicht!“, sagte das Entlein.
„Ja, wenn wir dich nicht verstehen, wer soll dich dann verstehen? Du willst doch wohl nicht klüger sein als der Kater und die Frau, ganz zu schweigen von mir! Stell dich nicht so an, Kind, und danke deinem Schöpfer für all das Gute, das man dir getan hat! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast Gesellschaft, von der du etwas lernen kannst? Aber du bist ein Wirrkopf, und es ist gar nicht lustig, mit dir zusammen zu sein! Du kannst mir glauben! Ich meine es gut mit dir. Ich sage dir unangenehme Dinge, und gerade daran erkennt man seine wahren Freunde! Sieh nur zu, dass du Eier legst und schnurren oder Funken sprühen lernst!“
„Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!“, sagte das Entlein.
„Ja, tu das nur!“, sagte die Henne.
Und so ging das Entlein fort. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber alle Tiere wollten wegen seiner Hässlichkeit nichts von ihm wissen.
Nun kam der Herbst. Die Blätter im Wald wurden gelb und braun, der Wind packte sie, dass sie umhertanzten, und oben in der Luft sah es kalt aus. Die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken, und auf dem Zaun stand der Rabe und schrie vor lauter Kälte: „Krah! Krah!“ Ja, man konnte richtig frieren, wenn man nur daran dachte. Das arme Entlein hatte es wirklich nicht gut.
Eines Abends, als die Sonne so herrlich unterging, kam ein ganzer Schwarm wunderschöner großer Vögel aus den Büschen. Das Entlein hatte noch nie so schöne gesehen. Sie waren ganz strahlend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen. Es waren Schwäne. Sie stießen einen ganz wunderlichen Ruf aus, breiteten ihre prächtigen, langen Flügel aus und flogen fort aus den kalten Gegenden, in wärmere Länder, zu offenen Seen. Sie stiegen so hoch, so hoch, und dem kleinen hässlichen Entlein wurde ganz seltsam zumute. Es drehte sich im Wasser rundherum wie ein Rad, reckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen Schrei aus, so laut und so seltsam, dass es selbst davor erschrak. Oh, es konnte die schönen Vögel nicht vergessen, die glücklichen Vögel! Und sobald es sie nicht mehr sehen konnte, tauchte es bis ganz auf den Grund hinunter, und als es wieder hochkam, war es ganz außer sich. Es wusste nicht, wie die Vögel hießen und wohin sie flogen, und doch hatte es sie lieb, wie es noch nie jemanden lieb gehabt hatte. Es beneidete sie gar nicht. Wie hätte es ihm auch einfallen sollen, sich eine solche Schönheit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur bei sich geduldet hätten. Das arme hässliche Tier!
Und der Winter wurde so kalt, so kalt! Das Entlein musste immerzu im Wasser umherschwimmen, damit das Wasser nicht ganz zufror. Aber jede Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, enger und enger. Es fror so, dass die Eisdecke krachte. Das Entlein musste ständig die Beine bewegen, damit sich das Loch nicht schloss. Zuletzt wurde es müde, lag ganz still und fror im Eis fest.
Früh am Morgen kam ein Bauer vorbei. Er sah das Entlein, ging hinaus, zerschlug das Eis mit seinem Holzschuh und trug es heim zu seiner Frau. Dort lebte es wieder auf.
Die Kinder wollten mit ihm spielen, aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas Böses tun, und flog vor Schreck mitten in die Milchschüssel, sodass die Milch in die ganze Stube schwappte. Die Frau kreischte und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und da flog es in den Trog mit der Butter und dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus. Ach, wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange nach ihm, und die Kinder rannten einander über den Haufen, um das Entlein zu fangen, und sie lachten und sie schrien! Gut, dass die Tür offen stand. Hinaus flog es zwischen die Büsche in den frisch gefallenen Schnee. Dort lag es, wie im Winterschlaf.
Aber es wäre allzu traurig, von all der Not und dem Elend zu erzählen, die es in dem harten Winter erleiden musste. Es lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen. Es war herrlicher Frühling.
Da hob es auf einmal seine Flügel. Sie rauschten stärker als früher und trugen es kräftig davon. Und ehe es sich versah, war es in einem großen Garten, wo die Apfelbäume in Blüte standen, wo der Flieder duftete und an seinen langen grünen Zweigen bis hinunter zu den gewundenen Kanälen hing. Oh, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und gerade vor ihm kamen aus dem Dickicht drei wunderschöne weiße Schwäne. Sie ließen ihr Gefieder rauschen und schwammen so leicht auf dem Wasser. Das Entlein erkannte die prächtigen Tiere, und eine seltsame Traurigkeit überkam es.
„Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Sie werden mich totpicken, weil ich mich, so hässlich wie ich bin, in ihre Nähe wage. Aber das ist egal! Lieber von ihnen getötet werden als von den Enten gezwickt, von den Hühnern gehackt, von der Magd, die den Hühnerhof versorgt, getreten werden und im Winter so viel leiden!“ Und es flog hinaus aufs Wasser und schwamm auf die prächtigen Schwäne zu. Die sahen es und eilten mit rauschendem Gefieder herbei. „Tötet mich nur!“, sagte das arme Tier, neigte den Kopf zum Wasser hinab und wartete auf den Tod. Aber was sah es da im klaren Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Spiegelbild, aber es war kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und garstig. Es war selbst ein Schwan!
Es macht nichts, auf einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!
Jetzt war es richtig froh über all die Not und all den Kummer, die es erlebt hatte. Nun erst wusste es sein Glück zu schätzen und all die Herrlichkeit, die es begrüßte. Und die großen Schwäne schwammen rundherum und streichelten es mit ihren Schnäbeln.
In den Garten kamen ein paar kleine Kinder. Sie warfen Brot und Körner ins Wasser, und das Kleinste rief:
„Da ist ein Neuer!“ Und die anderen Kinder jubelten mit: „Ja, da ist ein Neuer gekommen!“ Sie klatschten in die Hände und tanzten herum, liefen los, um Vater und Mutter zu holen, und es wurden Brot und Kuchen ins Wasser geworfen. Und alle sagten: „Der Neue ist der Schönste! So jung und so herrlich!“ Und die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.
Da wurde es ganz verlegen und steckte den Kopf unter den Flügel, es wusste selbst nicht, wie ihm geschah. Es war überglücklich, aber gar nicht stolz, denn ein gutes Herz wird niemals stolz! Es dachte daran, wie es verfolgt und verspottet worden war, und nun hörte es alle sagen, es sei der schönste von allen schönen Vögeln. Und der Flieder neigte seine Zweige bis hinunter ins Wasser zu ihm, und die Sonne schien so warm und so gut. Da rauschten seine Federn, der schlanke Hals hob sich, und aus tiefstem Herzen jubelte es: „So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entlein war!“





