Ein schwarzer Rabe sitzt mit einem Stück Fleisch im Schnabel stolz auf dem Ast eines hohen Baumes Der Fuchs unter dem Baum lobt den Raben mit süßen Worten, und der Rabe plustert sich vor Stolz auf Der Rabe krächzt aus vollem Hals, und das Fleisch fällt genau vor den Fuchs

Der Rabe und der Fuchs

Der Rabe auf dem Ast · gelesen von Marie
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Ein stolzer Rabe sitzt mit einem Stück Fleisch im Schnabel auf einem hohen Baum, und unten bleibt ein schlauer Fuchs stehen. Äsops Fabel darüber, warum man nicht jedem schönen Wort trauen sollte, frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.

Äsop · 3 Min. · gelesen von Marie

Der Rabe und der Fuchs: der Text zum Lesen und Vorlesen

Äsop (sechstes Jahrhundert vor Christus). Frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.

Am Rand eines Dorfes lebte ein schwarzer Rabe mit glänzenden Federn und einem großen Schnabel. Eines Morgens flog er über einen Bauernhof und entdeckte auf einem Fensterbrett ein Stück Fleisch, das die Bäuerin dort zum Abkühlen hingelegt hatte. Der Rabe überlegte nicht lange. Er sauste hinunter, schnappte sich das Fleisch und war schon wieder in der Luft. Dann flog er auf einen hohen Baum mitten auf der Wiese, machte es sich auf einem Ast bequem und hielt seine Beute stolz im Schnabel.

Genau in diesem Augenblick kam ein Fuchs unter dem Baum vorbei. Er schnupperte, roch das Fleisch, hob den Kopf und sah den Raben. „Das wäre genau das Richtige für mein Frühstück“, dachte er. Auf den Baum klettern konnte er nicht, also überlegte er, wie er an das Fleisch herankommen könnte. Bald blitzten seine Augen. Er blieb unter dem Baum stehen, strich sich den buschigen Schwanz glatt und lächelte zuckersüß.

„Guten Morgen, lieber Rabe!“, rief er mit freundlicher Stimme. „Wie groß und stattlich du bist, und wie schön! Und deine Federn, wie die glänzen! So einen prächtigen Vogel habe ich noch nie gesehen.“ Der Rabe plusterte sich vor lauter Stolz auf und reckte sich auf seinem Ast. So etwas Schönes hatte ihm noch niemand gesagt.

„Eigentlich müsstest du der König aller Vögel sein“, seufzte der Fuchs. „Und das wärst du bestimmt schon längst, wenn du nur eine Stimme hättest.“ Da wollte der Rabe dem Fuchs sofort zeigen, dass er sehr wohl eine Stimme hatte. Er riss den Schnabel weit auf und krächzte, so laut er konnte: „Krah, krah, krah!“ Im selben Augenblick fiel ihm das Fleisch aus dem Schnabel, genau vor die Pfoten des Fuchses.

Der Fuchs sprang hin und schnappte sich das Fleisch. Dann schaute er zum Raben hinauf und grinste listig. „Ach, lieber Rabe“, sagte er, „eine Stimme hast du ja. Wenn du jetzt auch noch Verstand hättest, dann fehlte dir gar nichts mehr, um König über alle Vögel zu werden.“ Und mit seinem Frühstück trabte er vergnügt über die Wiese davon.

Der Rabe aber saß auf seinem Ast, sah dem Fuchs nach und ließ traurig den Kopf hängen. Jetzt erst verstand er, warum der Fuchs ihn so gelobt hatte. Wer einem schmeichelt, will meistens etwas haben. Und wer klug ist, denkt erst nach, bevor er den Schnabel aufmacht.