Einem Hirtenjungen ist auf der Weide langweilig, und so denkt er sich einen Spaß aus, der das ganze Dorf auf die Beine bringt. Äsops Fabel darüber, warum es so wichtig ist, die Wahrheit zu sagen, frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Äsop · 4 Min. · gelesen von Marie
Der Hirtenjunge und der Wolf: der Text zum Lesen und Vorlesen
Äsop (sechstes Jahrhundert vor Christus). Frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Am Waldrand, ein Stück außerhalb eines kleinen Dorfes, hütete ein Hirtenjunge die Schafe. Jeden Morgen trieb er die Herde hinaus auf die Weide, und jeden Abend trieb er sie wieder heim. Die Schafe rupften gemächlich das Gras, ihre Glöckchen bimmelten, und die Sonne wanderte langsam über den Himmel. Dem Jungen aber war schrecklich langweilig. „Hier passiert einfach nie etwas“, seufzte er und warf kleine Steine in den Bach.
Eines Tages aber dachte er sich einen Spaß aus. Er kletterte auf einen großen Felsen, legte die Hände um den Mund und rief, so laut er konnte: „Der Wolf! Der Wolf! Hilfe, der Wolf ist über die Schafe hergefallen!“ Im Dorf erschraken die Leute und ließen sofort alles stehen und liegen. Der Schmied warf den Hammer hin, der Bauer ließ den Pflug stehen, der Müller kam ganz weiß vom Mehl gelaufen, und alle hatten Heugabeln und Stöcke in den Händen. Keuchend erreichten sie die Weide, aber nirgends war ein Wolf zu sehen. Die Schafe grasten friedlich, und der Junge kugelte sich vor Lachen im Gras. „Reingelegt! Ich habe euch alle reingelegt!“, rief er.
Ärgerlich sahen die Leute einander an und gingen unter seinem Gelächter wieder ins Dorf zurück. Dem Jungen aber gefiel der Spaß so gut, dass er ihn ein paar Tage später wiederholte, und danach noch ein drittes Mal. Jedes Mal schrie er: „Der Wolf! Der Wolf!“, und jedes Mal erschraken die Leute und kamen angerannt. Doch nie war ein Wolf da, immer nur ein Junge, der sie auslachte. „Junge, mit so etwas spaßt man nicht“, sagte der alte Müller zu ihm. „Eines Tages wird dir keiner mehr glauben.“
Eines Abends aber, als die Schatten schon lang wurden, kam wirklich ein Wolf aus dem Wald. Er war groß und grau und schlich sich geradewegs an die Herde heran. Als der Junge ihn sah, wurde er ganz blass, und diesmal war ihm gar nicht zum Lachen. Er sprang auf den Felsen und schrie, so laut er konnte: „Der Wolf! Der Wolf! Hilfe, bitte kommt doch! Der Wolf ist bei den Schafen!“
Im Dorf hörten sie ihn wohl. Der Schmied schüttelte den Kopf, der Bauer winkte ab, und der Müller brummte: „Der will uns schon wieder reinlegen. Diesmal gehen wir nicht.“ Alle dachten, er mache wieder nur seinen Spaß wie immer, und so kam niemand.
Der Wolf sprang mitten unter die Schafe. Sie blökten vor Angst und stoben in alle Richtungen davon, eines in den Wald, eines über den Bach, eines den Hügel hinauf und eines ins Gebüsch. Der Wolf jagte hierhin und dorthin hinter ihnen her, aber in dem ganzen Durcheinander erwischte er kein einziges. Als es dunkel wurde, hatte er genug davon und trollte sich brummig zurück in den Wald.
Der Wolf sprang mitten unter die Schafe. Sie blökten vor Angst, aber niemand war da, der sie beschützte. In aller Ruhe riss der Wolf die ganze Herde, ein Schaf nach dem anderen.
Der Hirtenjunge aber stand ganz allein auf der leeren Weide. Die ganze Nacht lang suchte er mit einer Laterne nach seinen Schafen, im Wald, am Bach und auf dem Hügel. Er rief sie bei ihren Namen und weinte bitterlich. Erst als die Sonne aufging, hatte er sie alle wieder beisammen, müde, durchgefroren und ganz verweint. An diesem Morgen begriff er, dass sein Spaß überhaupt nicht lustig gewesen war.
So verlor der Hirtenjunge seine Schafe. Ganz allein stand er auf der leeren Weide und weinte bitterlich. Zu spät hatte er begriffen, dass sein Spaß überhaupt nicht lustig gewesen war.
Von diesem Tag an hat er nie wieder gelogen. Denn wer lügt, hat am Ende nur das davon, dass ihm keiner mehr glaubt, nicht einmal dann, wenn er die Wahrheit sagt.





